PIRLS 2016 – Erste Ergebnisse

PIRLS 2016 – Zusammenfassung der ersten Ergebnisse

PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) liefert seit 2001 regelmäßig international vergleichbare Daten, welche Lesekompetenzen und Einstellungen zum Lesen Schüler/innen auf der 4. Schulstufe haben. Die Ergebnisse der alle fünf Jahre durchgeführten Studie dienen den Teilnehmerländern als Grundlage für schulpolitische Entscheidungen sowie zur Beurteilung der Effektivität des jeweiligen Bildungssystems.

Ziel von PIRLS ist nicht nur die Erhebung der Lesekompetenz, sondern auch die Erhebung von Hintergrundinformationen, von denen angenommen wird, dass sie mit der Lesekompetenz in Verbindung stehen (z. B. sozialer Hintergrund, Lesegewohnheiten, Unterrichtsstrategien, schulisches Umfeld etc.). Diese Hintergrundinformationen werden anhand von Fragebögen erhoben, die die Schüler/innen selbst, deren Lehrpersonen und Eltern sowie die Schulleitungen bearbeiten.

PIRLS 2016 ist der vierte Durchgang der Studie, für Österreich war es nach 2006 und 2011 die insgesamt dritte Teilnahme.

An PIRLS 2016 beteiligten sich weltweit 319.000 Schüler/innen und 15.000 Lehrer/innen in 50 Ländern. In Österreich nahmen 4360 Schüler/innen aus 150 Schulen an PIRLS 2016 teil.

Der Haupttest fand in Österreich zwischen 4. April und 13. Mai 2016 statt. In einem Feldtest zu PIRLS 2016 wurden im Frühjahr 2015 sämtliche Testaufgaben und Fragebögen sowie der Untersuchungsablauf für den Haupttest erprobt.

Lesekompetenz im internationalen Vergleich

  • Österreich erzielt 541 Punkte und liegt damit signifikant über dem internationalen Schnitt (521) sowie im EU-Schnitt (540).
  • 8 % gehören zur Spitzengruppe, 16 % gelten als schwache Leser/innen.
  • Der Vorsprung der Mädchen beträgt 6 Punkte und fällt im internationalen Vergleich gering aus.
  • Nach dem Abwärtstrend von 2006 bis 2011 bringt PIRLS 2016 eine Verbesserung.

Die österreichischen Schüler/innen erreichen am Ende ihrer Grundschulzeit einen Mittelwert von 541 Punkten und liegen signifikant über dem Schnitt aller teilnehmenden Länder (521) bzw. im Bereich des EU-Schnitts von 540 Punkten. Unter den 24 teilnehmenden EU-Ländern bedeutet dies den 16. Rangplatz. Unter den EU-Ländern schneiden Irland (567), Finnland (566) sowie Polen und Nordirland (jeweils 565 Punkte) sehr gut ab. Hinter Österreich sind u. a. die EU-Länder Spanien (528), Frankreich (511) und Belgien (525 flämisch bzw. 497 französisch) gereiht. Weltweit betrachtet zeigen Schüler/innen aus Russland (581) und Singapur (576 Punkte) die höchste Lesekompetenz.

In Österreich weisen 8 % der Schüler/innen sehr hohe Lesekompetenzen auf, diese Spitzengruppe liegt unter dem EU-Schnitt (12 %). Extrem geringe Lesekompetenzen zeigt in Österreich rund ein Sechstel der Schüler/innen (16 %). Im EU-Schnitt können 18 % der Schüler/innen am Ende ihrer Pflichtschulzeit Texte nicht sinnerfassend lesen, der internationale Schnitt liegt bei 26 %.

Seit Beginn von PIRLS erzielen die Mädchen bessere Leseleistungen als ihre männlichen Alterskollegen – so auch bei PIRLS 2016. Im internationalen Durchschnitt beträgt die Geschlechterdifferenz 18 Punkte zugunsten der Mädchen. In Österreich haben Mädchen hinsichtlich der sonst festgestellten relativ großen Leistungsunterschiede einen geringen Vorsprung von 6 Punkten gegenüber den Alterskollegen. Österreich liegt damit sowohl international als auch im EU-Vergleich unter dem Mittelwert.

Der Lesemittelwert Österreichs war von PIRLS 2006 (538) auf PIRLS 2011 (529) um 9 Punkte gesunken. Zwischen PIRLS 2011 und 2016 ist er um 11 Punkte gestiegen und liegt nun mit 541 Punkten wieder ähnlich wie bei PIRLS 2006. Die Leistungsentwicklung Österreichs zeigt demnach einen deutlichen Knick im Jahr 2011 und ähnliche Werte für 2006 und 2016.

Dimensionen der Lesekompetenz

Aufgrund der hohen Anzahl an Testaufgaben in mehreren Teilbereichen des Lesens ist es möglich, Leistungen nach der Leseabsicht (Literarisches Lesen oder Informationslesen) sowie nach Verstehensprozessen (Wiedergeben und Interpretieren) getrennt zu analysieren: So zeigen die österreichischen Schüler/innen auch bei PIRLS 2016 beim Wiedergeben und einfachen Schlussfolgern eine relative Stärke (550 Punkte im Vergleich zu 534 beim Interpretieren, Verknüpfen und Bewerten). Zwischen dem Lesen, um literarische Erfahrungen zu machen, und dem Lesen, um Informationen zu gewinnen, gibt es keinen relevanten Unterschied im Abschneiden Österreichs.

Lesekompetenz und Mehrsprachigkeit

Im 10-Jahres-Vergleich ist die Lesekompetenz der einheimischen Kinder signifikant gestiegen (mit dem für das österreichische Ergebnis typischen Leistungsknick im Jahr 2011) und jene von Zuwandererkindern etwa gleichgeblieben. Damit bleibt die Leistungskluft zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund groß: Im Durchschnitt trennen sie 51 Punkte auf der PIRLS-Gesamtskala, was laut großangelegten Längsschnittstudien fast zwei Lernjahren entspricht.

Im internationalen Vergleich liegen ausschließlich Daten zum Sprachgebrauch vor. In allen teilnehmenden EU-Vergleichsländern liegen die einsprachigen Kinder im Lesen vor den mehrsprachigen. Die Größe der Mittelwertdifferenz variiert allerdings stark. Einen besonders kleinen Unterschied gibt es in England mit 10 Punkten. Den größten Vorsprung der einsprachigen Kinder findet man neben Österreich (mit 50 Punkten Differenz) in Bulgarien, der Slowakischen Republik und Slowenien (80, 73 bzw. 44 Punkte). In den meisten Ländern ist ein Teil dieses Leistungsnachteils der mehrsprachigen Kinder auf ein durchschnittlich geringeres kulturelles Kapital in ihren Familien zurückzuführen. In Österreich lassen sich etwa 30 % des Unterschieds dadurch erklären.

Familiäre Faktoren

PIRLS 2016 belegt für Österreich – wie andere internationale und nationale Studien –, dass Kinder auf der 4. Schulstufe, deren Eltern einen höheren Bildungsabschluss aufweisen, im Mittel eine höhere Leseleistung erbringen als Schüler/innen, deren Eltern formal niedrige Abschlüsse haben. So erreichen Kinder, die zumindest einen Elternteil mit einem universitären Abschluss haben, im Schnitt 573 Punkte, während Kinder von Eltern mit maximal Pflichtschulabschluss 477 Punkte erreichen. Die Mittelwertdifferenz dieser beiden Gruppen beträgt somit 96 Punkte, was mehr als einer Kompetenzstufe und damit etwa drei bis vier Lernjahren entspricht.

Der Leistungsabstand zwischen Kindern mit formal sehr gering und Kindern mit formal hoch qualifizierten Eltern ist im Laufe der PIRLS-Erhebungen größer geworden. Bei PIRLS 2006 betrug die Differenz 79 Punkte, fünf Jahre später war sie mit 89 Punkten bereits deutlich gewachsen. Bei der aktuellen Erhebung hat sich der Abstand auf 96 Punkte vergrößert. Diese Differenz ist deshalb größer geworden, weil die Kinder, deren Eltern den formal niedrigsten Abschluss aufweisen, in ihrer Lesekompetenz kontinuierlich zurückgefallen sind. Im selben Zeitraum sind die Leseleistungen der Kinder, deren Eltern formal höhere Bildungsabschlüsse haben, annähernd gleichgeblieben (mit einem vorübergehenden, wenn auch signifikanten Leistungsknick bei der Erhebung 2011).

Einstellung zum Lesen

10-jährige Schüler/innen in Österreich haben im Vergleich der teilnehmenden EU-Länder ein relativ hohes Leseselbstkonzept (Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten) und durchschnittlich hohe Lesefreude. Mädchen haben in den meisten Ländern ein höheres Leseselbstkonzept und deutlich höhere Lesefreude als Buben. In Österreich sind die Geschlechterunterschiede diesbezüglich besonders groß. Letzteres ist insbesondere vor dem Hintergrund vergleichsweise kleiner Kompetenzunterschiede zu betrachten.

Außerschulisches Leseverhalten

Das außerschulische Leseverhalten der österreichischen Kinder stellt sich im Ländervergleich sehr positiv dar. Der Anteil an 10-jährigen Kindern, die außerhalb der Schule viel Zeit mit Lesen verbringen, ist in Österreich vergleichsweise groß, während relativ wenige Schüler/innen gar nicht oder sehr selten außerhalb der Schule lesen. Dies gilt sowohl für die außerschulische Lesezeit allgemein als auch für das Lesen zum Vergnügen sowie das Lesen, um Informationen zu gewinnen. Im Vergleich zu PIRLS 2011 hat sich die tägliche Lesezeit der Kinder in Österreich insgesamt etwas verringert. In Bezug auf das Lesen zum Vergnügen gibt es jedoch gegenüber PIRLS 2006 eine positive Veränderung, während das Lesen, um Informationen zu gewinnen, etwas abgenommen hat.

Fortbildung und Schulressourcen

Österreichs Lehrer/innen berichten überdurchschnittlich häufig von Fortbildung im Bereich Lesen/Lesedidaktik in zumindest moderatem Ausmaß. Nur 23 % der Lehrpersonen haben in den letzten zwei Jahren weniger als sechs Stunden Fortbildung in Lesen bzw. Lesedidaktik besucht. Weiteren Bedarf gibt es insbesondere in den Bereichen Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Förderung besonders begabter Schüler/innen sowie Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern.

Wie schon in früheren Untersuchungen äußern Österreichs Schulleiter/innen im internationalen Vergleich großen nicht bzw. nicht ausreichend gedeckten Bedarf in Bezug auf Unterstützungsleistungen durch speziell geschultes Personal, allen voran Dyskalkulie- und Legasthenietrainer/innen. Hier geben mehr als vier von fünf Schulleiterinnen/-leitern weiteren Bedarf an. Österreichs Volksschulen sind allerdings nach Auskunft der Schulleiter/innen materiell relativ gut ausgestattet. Insgesamt sehen die Schulleitungen im internationalen Vergleich eher geringe Unterrichtsbeeinträchtigungen durch Ressourcenmangel an ihrer Schule.

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