Griechisch und Latein

Von September 2009 bis August 2012 bereitete eine vom BIFIE eingesetzte Arbeitsgruppe unter der Leitung von Ass.-Prof. Dr. Florian Schaffenrath (Universität Innsbruck) die neue schriftliche Reifeprüfung für die Fächer Griechisch und Latein vor. Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe sind auf dieser Seite und den nebenstehenden Downloadbereichen abrufbar. Seit September 2012 liegt die Verantwortung für die klassischen Sprachen wieder direkt beim BIFIE.

Voraussetzungen

Auf Beschluss des Nationalrats erfolgt die Aufgabenstellung zur schriftlichen Reifeprüfung in den klassischen Sprachen ab dem Schuljahr 2014/15 standardisiert und kompetenzorientiert. Damit zählen Griechisch und Latein auch künftig zu den optionalen Klausurgegenständen an AHS. Die folgende Darstellung gibt Auskunft über Genese und Entwicklung des Projekts, ergänzt um grundlegende Materialien zur weiterführenden Information.

Seit Dezember 2007 war eine vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) angeregte und durch das BIFIE eingerichtete Arbeitsgruppe unter der Leitung von LSI Univ.-Doz. Dr. Friedrich Lošek (Landesschulrat für Niederösterreich) damit beschäftigt, für die Fächer Griechisch und Latein entsprechende Aufgaben zu entwickeln. Zwischen September 2009 und August 2012 lag die Leitung dieses personell weitgehend gleichbesetzten Teams in den Händen von Ass.-Prof. Mag. Dr. Florian Schaffenrath (Universität Innsbruck). Parallel dazu wurde die Arbeitsgruppe Consensus neu installiert, deren Aufgabe vorwiegend darin besteht, die Neuerungen hinsichtlich der Reifeprüfung auf die Gestaltung der Leistungsfeststellungen im Unterricht anzuwenden und diesbezügliche Unterlagen für Lehrer/innen zu entwickeln.

Über die Fortschritte beider Arbeitsgemeinschaften wird regelmäßig im Circulare, der Zeitschrift der Sodalitas (Bundesarbeitsgemeinschaft klassischer Philologen und Altertumswissenschaftler in Österreich) berichtet. Weiterführende Literaturangaben sind im Downloadbereich verfügbar.

Team

Unter den Mitgliedern der Arbeitsgruppe zum Projekt Standardisierte und kompetenzorientierte schriftliche Reifeprüfung aus Griechisch und Latein fanden sich Fachdidaktiker/innen und Testtheoretiker/innen sowie Fachkolleginnen und -kollegen aus allen österreichischen Bundesländern, Kontaktpersonen zur Schulverwaltung und Schulpolitik sowie zu anderen Arbeitsgruppen:

  • OStR Dr. Hermann Niedermayr, Tirol (Projektdurchführung, Aufgabenerstellung und
    -entwicklung)
  • Prof. Dr. Wolfgang Kofler, Universität Freiburg i. Br. (vormals Universität Innsbruck) (fachdidaktische Beratung)
  • LSI Dr. Michael Sörös, Stadtschulrat Wien (Leitung der Arbeitsgruppe Consensus neu, Kontakt zur Schulpolitik und -verwaltung)
  • Mag. Andrea Lošek, PH Niederösterreich (Organisation der österreichweiten „Train the trainer“-Lehrgänge für Griechisch und Latein, Aufgabenerstellung und
    -entwicklung)
  • Mag. Walter Dujmovits, Burgenland (Aufgabenerstellung und -entwicklung)
  • OStR Mag. Walter Freinbichler, Salzburg (Aufgabenerstellung und -entwicklung)
  • OStR Mag. Renate Glas, Kärnten (Aufgabenerstellung und -entwicklung)
  • Mag. Peter Glatz, Oberösterreich (Aufgabenerstellung und -entwicklung)
  • Dir. Dr. Renate Oswald, Steiermark (Aufgabenerstellung und -entwicklung)
  • Mag. Harald Schwarz, Niederösterreich (Aufgabenerstellung und -entwicklung)
  • Mag. Hartmut Vogl, Vorarlberg (Aufgabenerstellung und -entwicklung)
  • Mag. Wilhelmine Widhalm-Kupferschmidt, Wien (Obfrau der Sodalitas – Bundesarbeitsgemeinschaft Klassischer Philologen, Aufgabenerstellung und
    -entwicklung)

Kompetenzmodelle

Auf der Grundlage des geltenden Lehrplans wurden differenzierte Kompetenzmidelle entwickelt und ausformuliert. Diese Kompetenzmodelle für das vier- und das sechsjährige Latein sowie für Griechisch sind über den Downloadbereich (Kompetenzmodelle und Rechtsgrundlagen) abrufbar.

Als grundlegende Kompetenzen, die der Griechisch- und Lateinunterricht vermitteln, wurden das Übersetzen und das Lösen von Aufgaben auf der Basis griechischer bzw. lateinischer Originaltexte definiert. Da es sich beim Übersetzen um eine komplexe, integrale Kompetenz handelt, wurden zwar Teilkompetenzen beschrieben (Erkennen, Zuordnen, Gliedern, Erfassen und Verstehen, Übertragen, Formulieren), diesen Teilkompetenzen wurden aber keine jeweils eigenen Aufgaben zugewiesen; die Kompetenz des Übersetzens manifestiert sich nach wie vor in der Übersetzung selbst. Die unter dem Sammelbegriff Lösen von Aufgaben angeführten Kompetenzbereiche können hingegen sehr wohl unabhängig voneinander und mittels unterschiedlicher Aufgabenformate getestet werden. Zu diesen Teilkompetenzen zählen: Sammeln und Auflisten, Gliedern und Strukturieren, Zusammenfassen und Paraphrasieren, Gegenüberstellen und Vergleichen, Belegen und Nachweisen (nur sechsjähriges Latein und Griechisch), Kommentieren und Stellungnehmen, Kreatives Auseinandersetzen und Gestalten.

Übersetzungstext und Interpretationstext

Der in den Kompetenzmodellen verankerten Zweiteilung in Übersetzen und Lösen von Arbeitsaufgaben entspricht im Überprüfungsformat der schriftlichen Reifeprüfung eine Zweiteilung in Übersetzungstext (ÜT) und Interpretationstext (IT). Die Schüler/innen bekommen bei der Reifeprüfung ein Aufgabenheft, in dem neben den Texten und Aufgabenstellungen auch Platz für die Bearbeitung sein wird. Die Kandidatinnen und Kandidaten werden aufgefordert, den ÜT zu übersetzen und auf der Grundlage des IT zehn Arbeitsaufgaben zu lösen. Beim ÜT wird ausschließlich die Übersetzung bewertet, im Interpretationsteil ausschließlich das Lösen der einzelnen Arbeitsaufgaben.

Aufgabenformate für den Interpretationstext

Während das Übersetzen schon seit jeher zu den fachtypischen Tätigkeiten des Unterrichts in den klassischen Sprachen zählte, wurde mit den Aufgabenstellungen zum Interpretationstext Neuland betreten; diese Aufgaben mussten überdies strengen testtheoretischen Anforderungen gerecht werden. Wertvolle Anregungen verdankte die Arbeitsgruppe den Expertinnen und Experten im Bereich der modernen Fremdsprachen, die schon bedeutend länger mit der Vorbereitung der neuen Reifeprüfung beschäftigt waren und in manchen Bereichen durchaus vergleichbare Probleme zu lösen hatten.

Grundsätzlich gibt es im Interpretationsteil offene und geschlossene Aufgabenformate: Bei jenen müssen die Kandidatinnen und Kandidaten selbst eine Lösung erarbeiten (z. B. eine Paraphrase des Interpretationstextes erstellen), bei diesen aus einer vorgegebenen Zahl an Lösungen auswählen (z. B. Multiple-Choice-Aufgaben/Selektionstypen). Es ist die Aufgabe des auf die Reifeprüfung hinführenden Unterrichts, die Schüler/innen mit den Anforderungen der neuen Aufgabenformate vertraut zu machen (z. B., dass es zu einem Punkteabzug führt, wenn bei einer offenen Aufgabe die maximal erlaubte Wortanzahl um mehr als zehn Prozent überschritten wird).

In der umfangreichen Broschüre Rechtsgrundlagen zur kompetenzorientierten Leistungsfeststellung und Leistungsbeurteilung in den klassischen Sprachen Latein und Griechisch. Ein Leitfaden (erschienen im Herbst 2010, überarbeitete Neuauflagen 2011, 2012 und 2013, verfügbar im Downloadbereich Kompetenzmodelle und Rechtsgrundlagen) wurden sämtliche neu entwickelten Formate vorgestellt und kommentiert.

Korrekturmodell

Gleichzeitig mit den neuen Aufgabenformaten wurde auch ein neues Korrekturmodell (im Downloadbereich verfügbar) entwickelt, das einerseits neuesten fachdidaktischen Ansprüchen genügt (z. B. die Einbeziehung der zielsprachlichen Qualität der Übersetzung), andererseits im Sinne der Standardisierung zu möglichst hoher intersubjektiver Übereinstimmung verschiedener Korrektorinnen und Korrektoren führen soll. Zudem greift dieses Korrekturschema weitgehend die in den Kompetenzmodellen definierten Bereiche auf.

Um zu betonen, dass das Übersetzen nach wie vor die zentrale Kompetenz des Griechisch- und Lateinunterrichts ist, sind im Rahmen der schriftlichen Reifeprüfung beim Übersetzungstext mehr Punkte zu erreichen als im Interpretationsteil (Verteilung 36 zu 24). Der Übersetzungstext wird unter Berücksichtigung mehrerer Aspekte beurteilt: Punkte können zum einen für das Erfassen des Inhalts einzelner Textabschnitte (Sinneinheiten) vergeben werden; zum anderen werden Lexik- und Grammatikkenntnisse anhand einer begrenzten Zahl exakt definierter und über den Text verstreuter Checkpoints überprüft (je sechs Punkte für Lexik, Morphologie, Satz- und Textgrammatik). Ebenfalls sechs Punkte sind der sprachlichen Qualität der Übersetzung zugeordnet, die mithilfe einer dreistufigen Skala eingeschätzt wird. Im Interpretationsteil kann für jede Arbeitsaufgabe eine festgelegte Anzahl von Punkten erreicht werden; die Anforderungen für das Erreichen einer bestimmten Punktezahl sind genau definiert.

Im Sinne einer möglichst umfassenden Vorbereitung der künftigen Kandidatinnen und Kandidaten auf die neuen Test- und Korrekturformate scheint es sinnvoll, die Schüler/innen schon vor Einführung der neuen Reifeprüfung mit diesen vertraut zu machen. Die von Mag. Renate Glas und Dir. Mag. Walter Kuchling nach den Erfahrungen mit dem neuen Korrektursystem in der schulischen Praxis erstellten und überprüften Excel-Tabellen sollen dabei helfen. Die Dateien sind im Downloadbereich verfügbar und werden dort näher beschrieben.

Auswirkungen auf den Unterricht

Da die Reifeprüfungsaufgaben auf den Kompetenzmodellen basieren, muss der Unterricht künftig nicht nur die Vorgaben des Fachlehrplans mit den Lektüremodulen berücksichtigen, sondern sich auch an den Kompetenzmodellen orientieren.

Durch die starke Gewichtung der Kategorien Sinnerfassung und Zielsprachliche Qualität erwartete sich die Arbeitsgruppe entsprechende Rückwirkungen auf den Griechisch- und Lateinunterricht: Grammatikalisch richtige Übersetzungen, die inhaltlich hanebüchenen Unsinn darstellen, oder Übersetzungen à la „dieser Sache eingedenk“ werden nicht mehr gutgeheißen.

Damit die genannten Neuerungen möglichst rasch in den Unterricht einfließen konnten, hat die von LSI Dr. Michael Sörös geleitete Gruppe Consensus neu den bereits zitierten Leitfaden herausgegeben. Darin sind unter anderem die wichtigsten Bestimmungen zur gesetzeskonformen Gestaltung von Schularbeiten enthalten. 

Feldtestungen

Bei den Downloads finden sich auch Aufgabenstellungen für die schriftliche Reifeprüfung, die von der Arbeitsgruppe entwickelt und in kleineren Pilotierungen sowie österreichweiten Feldtestungen überprüft wurden. Diese Feldtestungen waren ein wichtiges Korrektiv für die geleistete Arbeit.

Für die österreichweiten Feldtestungen wurden Schulen aus allen neun Bundesländern ausgewählt; dabei wurde auf eine ausgewogene Verteilung der Testpopulation geachtet (Landeshauptstädte und andere Schulstandorte, staatliche und kirchliche Schulträger).

Die Analyse der bei der Feldtestung gesammelten Daten ergab wichtige Informationen über die Angemessenheit der Aufgabenstellungen (Schwierigkeitsgrad, zeitlicher Rahmen, Abdeckung der Kompetenzbereiche) und den Änderungsbedarf. Mittels Fragebögen wurden die Schüler/innen um ihre subjektive Einschätzung der Testaufgaben gebeten; Rückmeldungen über die Akzeptanz der Zweiteilung in Übersetzungstext und Informationstext, über den Schwierigkeitsgrad des Übersetzungstexts, den Verständlichkeitsgrad der Anweisungen, das Ausmaß der Kommentierung usw. wurden gesammelt. Die Ergebnisse der Feldtestungen sind über den Downloadbereich abrufbar.