Kompetenzen und Modelle

Das Konzept der österreichischen Bildungsstandards setzt einen besonderen Schwerpunkt auf den Erwerb grundlegender fachlicher Kompetenzen als Voraussetzung nachhaltigen und lebenslangen Lernens. Ein gut verankertes Konzept, das klärt, was Kompetenz bedeutet und wie sie entsteht, ist Grundbedingung dafür, dass das Prinzip der Kompetenzorientierung im Unterricht handlungsleitend wird.

Bildungsstandards sind in Österreich als Regelstandards konzipiert. Sie beschreiben grundlegende Erwartungen an die Ergebnisse schulischer Lehr- und Lernprozesse in Form spezifischer Könnenserwartungen und legen in einem Pflichtgegenstand konkrete, von Schülerinnen und Schülern zu erbringende Leistungen fest.

Mit der Definition von Standards wird eine systematische Auswahl grundlegender, im Unterricht nachhaltig zu erwerbender Kompetenzen getroffen, die Schülerinnen und Schülern jedenfalls vermittelt werden müssen, um sie für die wechselnden Herausforderungen von Beruf und Alltag zu rüsten. Die Erfüllung dieses an das Schulsystem gestellten Anspruchs setzt ein fundiertes Verständnis für das Phänomen der Kompetenz voraus.

Kompetenzbegriff

Bezugspunkt der österreichischen Bildungsstandards ist der von Franz E. Weinert entwickelte Kompetenzbegriff. Ihm zufolge sind Kompetenzen

die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösung in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können (Weinert, 2001).

Kompetenzen sind das Ergebnis von Lernprozessen. Sie sind kontextunabhängig ausgeprägt, da sie in der Auseinandersetzung mit der Umwelt erworben werden, und ermöglichen damit die Bewältigung unterschiedlicher Aufgaben und Lebenssituationen. Kompetenzen umfassen Wissen und kognitive Fähigkeiten, das Vermögen der Selbstregulation sowie sozial-kommunikative und motivationale Elemente. Dieses von Weinert geprägte Kompetenz-Konzept findet sich sowohl in der pädagogisch-praktischen, erziehungswissenschaftlichen und pädagogisch-psychologischen Diskussion als auch in der empirischen Forschung.

Das Konzept der österreichischen Bildungsstandards unterscheidet zwischen den beschriebenen (allgemeinen) Kompetenzen und grundlegenden fachbezogenen Kompetenzen, die wesentliche inhaltliche Bereiche eines Gegenstands abdecken und somit für den weiteren Kompetenzaufbau entscheidend sind.

Kompetenzen ermöglichen es den Schülerinnen und Schülern, in variablen Situationen zu handeln und ihr Wissen zielgerichtet einsetzen zu können. Sie schaffen die Basis für den Erwerb und die Anwendung spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten und verkörpern damit ein weitgehend stabiles Werkzeug, das zur Bewältigung wechselnder Herausforderungen befähigen soll.

Kompetenzmodelle der Bildungsstandards

Den in den Bildungsstandards festgeschriebenen Kompetenzen liegt ein aus dem jeweiligen Lehrplan abgeleitetes fachspezifisches Kompetenzmodell zugrunde, das wesentliche Kernbereiche eines Unterrichtsgegenstands umfasst und die Übersetzung abstrakter Bildungsziele in konkrete Aufgabenstellungen ermöglicht und unterstützt.

In den nachfolgenden Abschnitten werden die Kompetenzmodelle und darin enthaltene Kompetenzbereiche für die Fächer Deutsch/Lesen/Schreiben und Mathematik auf der 4. Schulstufe sowie für Deutsch, die erste lebende Fremdsprache (Englisch) und Mathematik auf der 8. Schulstufe zusammenfassend dargestellt.

 

Kompetenzmodell Deutsch/Lesen/Schreiben 4. Schulstufe

Der Unterrichtsgegenstand Deutsch/Lesen/Schreiben soll die Schüler/innen bis zur 4. Schulstufe dabei unterstützen,

  • ihre sprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu aktivieren und weiterzuentwickeln,
  • sich sowohl die reale Welt als auch fiktive Welten zu erschließen und anzueignen,
  • sich mit dem Ich und den anderen auseinanderzusetzen.

Wesentliche Funktion des Deutschunterrichts in der Grundschule ist die Förderung der sprachlichen Entwicklung des Kindes. Lerninhalte sind daher nicht separat, sondern in Beziehung zueinander zu verstehen und werden dementsprechend durch die Kompetenzbereiche in Deutsch/Lesen/Schreiben auf der 4. Schulstufe abgebildet.

 

Kompetenzmodell Mathematik 4. Schulstufe

Allgemeine Kompetenzen

Inhaltliche Kompetenzen
  • AK 1: Modellieren
  • IK 1: Arbeiten mit Zahlen
  • AK 2: Operieren
  • IK 2: Arbeiten mit Operationen
  • AK 3: Kommunizieren
  • IK 3: Arbeiten mit Größen
  • AK 4: Problemlösen
  • IK 4: Arbeiten mit Ebene und Raum

Der Unterrichtsgegenstand Mathematik soll die Schüler/innen bis zur 4. Schulstufe dabei unterstützen,

  • ihre Umwelt erfassen und beschreiben zu können,
  • Zusammenhänge zu erkennen und regelhafte Strukturen aufzubauen,
  • ihr kritisches Denken und Analysieren von Problemen zu schulen.

Das Kompetenzmodell für Mathematik auf der 4. Schulstufe berücksichtigt diese Funktionen des Unterrichts und unterscheidet demgemäß zwischen

  • allgemeinen mathematischen Kompetenzen, die prozessbezogen sind und in der Auseinandersetzung mit mathematischen Inhalten auftreten, und
  • inhaltlichen mathematischen Kompetenzen, die sich auf die Gegenstandsbereiche der Mathematik gemäß Lehrplan beziehen.

Wesentlich ist dabei, dass immer zumindest ein allgemeiner und ein inhaltlicher Kompetenzbereich miteinander verknüpft sind.

 

Kompetenzmodell Deutsch 8. Schulstufe

Der Unterrichtsgegenstand Deutsch soll die Schüler/innen bis zur 8. Schulstufe dabei unterstützen,

  • ihre Kommunikations- und Handlungsfähigkeit mit und durch Sprache zu fördern,
  • Einblick in die Struktur und Funktion von Sprache zu bekommen,
  • den mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch zu festigen.

Das Kompetenzmodell für Deutsch auf der 8. Schulstufe basiert auf den Prinzipien des Lehrplans. Die Kompetenzbereiche Zuhören und Sprechen, Lesen, Schreiben und Sprachbewusstsein decken jene Inhalte ab, die Schüler/innen benötigen, um persönliche und berufliche Herausforderungen bewältigen zu können. Dadurch werden auch die Grundlagen für lebenslanges Weiterlernen geschaffen.

 

Kompetenzmodell Englisch 8. Schulstufe

Der Lehrplan für die lebenden Fremdsprachen basiert – wie die Bildungsstandards – auf dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GERS). Beide, Lehrplan wie Bildungsstandards, definieren als wesentliche Kriterien des Fremdsprachenunterrichts

  • die grundsätzliche Gleichwertigkeit der Teilkompetenzen Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben,
  • seine Handlungsorientierung (die Entwicklung kommunikativer Kompetenz).

Die Lernenden sollen demnach durch den Unterricht befähigt werden, Alltagssituationen kommunikativ erfolgreich und sozial angemessen zu bewältigen.

 

Kompetenzmodell Mathematik 8. Schulstufe

mathematischer Inhalt mathematische Handlung Komplexität
  • I1: Zahlen und Maße
  • H1: Darstellen, Modellbilden
  • K1: Einsetzen von Grundkenntnissen und
    -fertigkeiten
  • I2: Variable, funktionale Abhängigkeiten
  • H2: Rechnen, Operieren
  • K2: Herstellen von Verbindungen
  • I3: Geometrische Figuren und Körper
  • H3: Interpretieren
  • K3: Einsetzen von Reflexionswissen, Reflektieren
  • I4: Statistische Darstellung und Kenngrößen
  • H4: Argumentieren, Begründen

 

Der Unterricht in Mathematik soll künftig noch stärker die Förderung von Fertigkeiten, die für die Bewältigung des Lebensalltags benötigt werden, anstreben. Dies spiegelt sich im Kompetenzmodell für Mathematik auf der 8. Schulstufe wider. In diesem gelten Rechnen und Operieren, Darstellen und Modellbilden, Interpretieren sowie Argumentieren und Begründen als gleichwertige Handlungsbereiche. Die mathematischen Inhalte des Lehrplans bilden sich in den vier Inhaltsbereichen ab. Das Kompetenzmodell berücksichtigt darüber hinaus den Komplexitätsgrad mathematischer Aufgaben, da es nötig sein kann, mehrere Inhalte oder Handlungen miteinander in Verbindung zu bringen, um eine Aufgabe zu lösen bzw. über Zusammenhänge nachzudenken, die aus dem dargelegten mathematischen Sachverhalt nicht unmittelbar ablesbar sind.

Nach dem Kompetenzmodell für Mathematik auf der 8. Schulstufe ergibt sich eine mathematische Kompetenz immer aus der Verknüpfung eines Handlungs-, Inhalts- und Komplexitätsbereichs. Damit umfasst das Modell in Summe 48 mathematische Kompetenzen.