Kompetenz­modelle und Bildungs­­standards

Dem Konzept der österreichischen Bildungsstandards ist die Kompetenzorientierung vorgelagert, womit ein besonderer Schwerpunkt auf dem Erwerb grundlegender fachlicher Kompetenzen als Voraussetzung nachhaltigen und lebenslangen Lernens liegt. Ein gut verankertes Modell, das klärt, was Kompetenz bedeutet, ist Grundbedingung dafür, dass das Prinzip der Kompetenzorientierung im Unterricht handlungsleitend wird (vgl. dazu Bildungsstandards und kompetenzorientierter Unterricht).

Kompetenzbegriff

Bezugspunkt der österreichischen Bildungsstandards ist der von Franz E. Weinert (2001) entwickelte Kompetenzbegriff. Ihm zufolge sind Kompetenzen

die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösung in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können (Weinert, 2001).

Gemäß der Verordnung über Bildungsstandards im Schulwesen (BGBl. II. Nr. 1/2009) sind Kompetenzen „längerfristig verfügbare kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten, die von Lernenden entwickelt werden und die sie befähigen, Aufgaben in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsbewusst zu lösen und die damit verbundene motivationale und soziale Bereitschaft zu zeigen“.

Kompetenzen ermöglichen es den Schülerinnen und Schülern, in variablen Situationen zu handeln und ihr Wissen und Können zielgerichtet, verantwortungsvoll und reflektiert einzusetzen. Sie schaffen die Basis für den Erwerb und die Anwendung spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten und verkörpern damit ein weitgehend stabiles Werkzeug, das zur Bewältigung wechselnder Herausforderungen befähigen soll.

Kompetenzmodelle der Bildungsstandards

Bildungsstandards legen konkret formulierte Lernergebnisse in den einzelnen oder den in fachlichem Zusammenhang stehenden Pflichtgegenständen fest, die sich aus den Lehrplänen der Schularten und Schulstufen ableiten lassen. Kompetenzmodelle dienen dabei als prozessorientierte Vorstellungen über den Erwerb von fachbezogenen oder fächerübergreifenden Kompetenzen. Sie strukturieren Bildungsstandards innerhalb eines Unterrichtsgegenstands, stützen sich dabei auf fachdidaktische sowie fachsystematische Gesichtspunkte und ermöglichen damit die Übersetzung abstrakter Bildungsziele in konkrete Aufgabenstellungen.

In den nachfolgenden Abschnitten werden die Kompetenzmodelle und die darin enthaltenen Kompetenzbereiche für die Fächer Deutsch/Lesen/Schreiben und Mathematik auf der 4. Schulstufe sowie für Deutsch, die erste lebende Fremdsprache (Englisch) und Mathematik auf der 8. Schulstufe zusammenfassend dargestellt.

Kompetenzmodell Deutsch/Lesen/Schreiben, 4. Schulstufe

D4-Kompetenzmodell

D4-Kompetenzmodell

Der Unterrichtsgegenstand Deutsch/Lesen/Schreiben soll die Schüler/innen bis zur 4. Schulstufe dabei unterstützen,

  • ihre sprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu aktivieren und weiterzuentwickeln,
  • sich sowohl die reale Welt als auch fiktive Welten zu erschließen und anzueignen,
  • sich mit dem Ich und den anderen auseinanderzusetzen.

Wesentliche Funktion des Deutschunterrichts in der Grundschule ist die Förderung der sprachlichen Entwicklung des Kindes. Lerninhalte sind daher nicht separat, sondern in Beziehung zueinander zu verstehen und werden dementsprechend durch die Kompetenzbereiche in Deutsch/Lesen/Schreiben auf der 4. Schulstufe abgebildet.

Kompetenzmodell Mathematik, 4. Schulstufe

M4-Kompetenzmodell

M4-Kompetenzmodell

Allgemeine Kompetenzen Inhaltliche Kompetenzen
AK1: Modellieren IK1: Arbeiten mit Zahlen
AK2: Operieren IK2: Arbeiten mit Operationen
AK3: Kommunizieren IK3: Arbeiten mit Größen
AK4: Problemlösen IK4: Arbeiten mit Ebene und Raum

Der Unterrichtsgegenstand Mathematik soll die Schüler/innen bis zur 4. Schulstufe dabei unterstützen,

  • ihre Umwelt erfassen und beschreiben zu können,
  • Zusammenhänge zu erkennen und regelhafte Strukturen aufzubauen,
  • ihr kritisches Denken und Analysieren von Problemen zu schulen.

Das Kompetenzmodell für Mathematik auf der 4. Schulstufe berücksichtigt diese Funktionen des Unterrichts und unterscheidet demgemäß zwischen

  • allgemeinen mathematischen Kompetenzen, die prozessbezogen sind und in der Auseinandersetzung mit mathematischen Inhalten auftreten, und
  • inhaltlichen mathematischen Kompetenzen, die sich auf die Gegenstandsbereiche der Mathematik gemäß Lehrplan beziehen.

Wesentlich ist dabei, dass immer zumindest ein allgemeiner und ein inhaltlicher Kompetenzbereich miteinander verknüpft sind.

 

Modellbeschreibung mit Beispielen

 Auszug aus der Verordnung zu den Bildungsstandards

Kompetenzmodell Deutsch, 8. Schulstufe

D8-Kompetenzmodell

D8-Kompetenzmodell

Der Unterrichtsgegenstand Deutsch soll die Schüler/innen bis zur 8. Schulstufe dabei unterstützen,

  • ihre Kommunikations- und Handlungsfähigkeit mit und durch Sprache zu fördern,
  • Einblick in die Struktur und Funktion von Sprache zu bekommen,
  • den mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch zu festigen.

Das Kompetenzmodell für Deutsch auf der 8. Schulstufe basiert auf den Prinzipien des Lehrplans. Die Kompetenzbereiche Zuhören und Sprechen, Lesen, Schreiben und Sprachbewusstsein decken jene Inhalte ab, die Schüler/innen benötigen, um persönliche und berufliche Herausforderungen bewältigen zu können. Dadurch werden auch die Grundlagen für lebenslanges Weiterlernen geschaffen.

Kompetenzmodell Englisch, 8. Schulstufe

E8-Kompetenzmodell

E8-Kompetenzmodell

Der Lehrplan für die lebenden Fremdsprachen basiert – wie die Bildungsstandards – auf dem Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GERS). Beide, Lehrplan wie Bildungsstandards, definieren als wesentliche Kriterien des Fremdsprachenunterrichts

  • die grundsätzliche Gleichwertigkeit der Teilkompetenzen Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben,
  • seine Handlungsorientierung (die Entwicklung kommunikativer Kompetenz).

Die Lernenden sollen demnach durch den Unterricht befähigt werden, Alltagssituationen kommunikativ erfolgreich und sozial angemessen zu bewältigen.

Kompetenzmodell Mathematik, 8. Schulstufe

M8-Kompetenzmodell

M8-Kompetenzmodell

 

Mathematischer Inhalt Mathematische Handlung Komplexität
I1: Zahlen und Maße H1: Darstellen, Modellbilden K1: Einsetzen von Grundkenntnissen und -fertigkeiten
I2: Variable, funktionale Abhängigkeiten H2: Rechnen, Operieren K2: Herstellen von Verbindungen
I3: Geometrische Figuren und Körper H3: Interpretieren K3: Einsetzen von Reflexionswissen, Reflektieren
I4: Statistische Darstellung und Kenngrößen H4: Argumentieren, Begründen

Der Unterricht in Mathematik soll die Förderung von Fertigkeiten, die für die Bewältigung des Lebensalltags benötigt werden, anstreben. Dies spiegelt sich im Kompetenzmodell für Mathematik auf der 8. Schulstufe wider. In diesem gelten Rechnen und Operieren, Darstellen und Modellbilden, Interpretieren sowie Argumentieren und Begründen als gleichwertige Handlungsbereiche. Die mathematischen Inhalte des Lehrplans bilden sich in den vier Inhaltsbereichen ab. Das Kompetenzmodell berücksichtigt darüber hinaus den Komplexitätsgrad mathematischer Aufgaben, da es nötig sein kann, mehrere Inhalte oder Handlungen miteinander in Verbindung zu bringen, um eine Aufgabe zu lösen bzw. über Zusammenhänge nachzudenken, die aus dem dargelegten mathematischen Sachverhalt nicht unmittelbar ablesbar sind.

Nach dem Kompetenzmodell für Mathematik auf der 8. Schulstufe ergibt sich eine mathematische Kompetenz immer aus der Verknüpfung eines Handlungs-, Inhalts- und Komplexitätsbereichs. Damit umfasst das Modell in Summe 48 mathematische Kompetenzen.

Literatur

  • Weinert, F. E. (2001). Vergleichende Leistungsmessung in Schulen – eine umstrittene Selbstverständlichkeit. In F. E. Weinert (Hrsg.), Leistungsmessung in Schulen (S. 17–31). Weinheim: Beltz.

Weiterführende Informationen