Formative Eva­lu­ation der frühen sprach­lichen För­de­rung im Kinder­garten

Formative Evaluation der frühen sprachlichen Förderung im Kindergarten

Das Projekt Frühe sprachliche Förderung im Kindergarten wurde von Mitte 2008 bis 2011 vom Zentrum Graz des BIFIE wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Dabei standen die vonseiten des Bundes in das Projekt eingebrachten Maßnahmen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses.

Im Jahr 2008 wurde eine Vereinbarung zwischen dem Bund und den Bundesländern mit der Zielsetzung geschlossen, Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen in institutionellen Kinderbildungs- und -betreuungseinrichtungen in der Form zu fördern, dass sie bei Eintritt in die Grundschule die Unterrichtssprache Deutsch möglichst beherrschen.

Für die Sprachstandsfeststellung wurden eigens Beobachtungsbögen entwickelt, die Rückschlüsse auf den Förderbedarf ermöglichen. Die systematische Beobachtung der sprachlichen Kompetenzen zeigt auf, ob sich die Kinder der Zielgruppe bis zu diesem Zeitpunkt sprachlich altersadäquat entwickelt haben. Die Ergebnisse der Erhebung dienen anschließend der Planung von differenzierten Fördermaßnahmen.

Zielsetzung der Evaluation der „Frühen Sprachförderung“ war es darzustellen, in welchem Umfang die im Rahmen des Projekts getätigten Maßnahmen die Elementarpädagoginnen und -pädagogen in den Kindergärten erreicht haben und wie sie von diesen bewertet wurden.

Weiters wurde überprüft, ob an Volksschulen Auswirkungen des Projekts wahrnehmbar sind, und in einer qualitativen Pilotstudie der Übergang vom Kindergarten in die Schule unter dem Aspekt der sprachlichen Förderung beleuchtet.

Die Erhebung richtete sich an gruppenführende Pädagoginnen und Pädagogen in den Bundesländern Burgenland, Kärnten, Salzburg, Steiermark und Wien sowie an Pädagoginnen und Pädagogen der Übungskindergärten der Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik. Die genannten Bundesländer wurden ausgewählt, weil dort sowohl 2008 als auch 2009 die neuen Instrumente zur Sprachstandsfeststellung eingesetzt wurden („Pionierländer“). Die Erhebungen an den Volksschulen wurden bundesweit durchgeführt.

Rund drei Viertel aller Befragten in Kindergärten und Schulen halten eine Sprachstandsfeststellung, die etwa 15 Monate vor Eintritt eines Kindes in die Schule stattfindet, grundsätzlich für zweckmäßig. Verbal begründeten sie ihre positive Haltung vor allem damit, dass auf Basis der Diagnose eine gezielte Förderung stattfinden könne und auch ausreichend Zeit für die Fördermaßnahmen gegeben sei. Insgesamt zwei Drittel der Elementarpädagoginnen und -pädagogen waren der Meinung, die Ergebnisse der Sprachstandsfeststellung bildeten eine gute Ausgangsbasis für die Durchführung der sprachlichen Förderung der Kinder im Jahr vor dem Schuleintritt.

Das Beobachtungsverfahren BESK 4–5 wurde von mehr als 90 % der Elementarpädagoginnen und -pädagogen als kindgerecht eingeschätzt. Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag der Arbeit mit dem BESK 4–5 wurde dagegen nur von 55 % der Pädagoginnen und Pädagogen positiv beurteilt. Beinahe 600 Personen nutzten die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge für die Sprachstandsfeststellung mit dem BESK 4–5 zu unterbreiten. Am häufigsten wurde dabei der Personaleinsatz bei der Sprachstandsfeststellung thematisiert und mehr personelle Unterstützung gefordert. Grundsätzlich wird am BESK 4–5 kritisiert, dass er für Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch nicht geeignet sei. Dieser auch schon früher geäußerten Kritik wurde mittlerweile durch die Entwicklung eines speziellen Verfahrens für Kinder mit nichtdeutscher Erstsprache begegnet.

Die Maßnahmen zur frühen sprachlichen Förderung waren mit Abschluss der Evaluation des Projekts zwar „auf dem Weg“, aber noch nicht bei allen in den Kindergärten tätigen Pädagoginnen und Pädagogen angekommen. An den Volksschulen wurden nach dem ersten Förderjahr positive Auswirkungen erst in geringem Umfang wahrgenommen. In den „Pionierländern“ waren diese aber deutlicher sichtbar als in den anderen Bundesländern. Unerlässlich erscheinen eine Weiterführung der Qualifizierungsangebote, die Kommunikation von Zielsetzungen einzelner Maßnahmen auf Ebene der Pädagoginnen und Pädagogen sowie die Sicherstellung von adäquaten Rahmenbedingungen für die Sprachstandsfeststellung und Sprachförderung in den elementaren Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Die Möglichkeit, an Fortbildungsveranstaltungen zum Themenbereich Sprachförderung teilnehmen zu können, und eine Bekanntmachung bzw. gezielte Vermittlung der Zielsetzungen der verschiedenen im Rahmen des Projekts eingeleiteten Maßnahmen können dazu beitragen, das Verständnis der Pädagoginnen und Pädagogen für die Vorgangsweisen bei der Sprachstandsfeststellung bzw. Sprachförderung weiter zu vertiefen und auch die Akzeptanz für aus Sicht der Pädagoginnen und Pädagogen aufwändige Vorgangsweisen zu erhöhen. Strukturelle Verbesserungen der Arbeitssituation der Pädagoginnen und Pädagogen erscheinen notwendig, damit die Sprachstandsfeststellungen umfassend und ohne Qualitätsverlust für die übrigen Tätigkeiten in den Kindergartengruppen durchgeführt werden können. Wiederholt wird auf die Notwendigkeit zusätzlicher, qualifizierter personeller Unterstützung für den Bereich der Sprachförderung hingewiesen. Verbesserungen bei der Zusammenarbeit zwischen Kindergärten und Volksschulen werden sowohl vonseiten der Elementarpädagoginnen und -pädagogen als auch der Lehrer/innen sowie der Schulleiter/innen eingefordert. Nur eine qualitativ hochwertige Umsetzung der Sprachstandsfeststellung und der darauf aufbauenden gezielten Fördermaßnahmen sowie ein sprachliches Umfeld in den Kindergartengruppen, das die Verwendung der deutschen Sprache im Kindergartenalltag unterstützt, lässt einen Zuwachs an sprachlicher Kompetenz bei den Kindern erwarten.

Darüber hinaus sollte auch nicht aus den Augen verloren werden, dass neben der Förderung der künftigen Unterrichtssprache Deutsch den verschiedenen Muttersprachen der Kinder mit anderen Erstsprachen als Deutsch besondere Beachtung zu schenken ist. Allen in einer Kindergartengruppe gesprochenen Sprachen müssen nicht nur Wertschätzung und Akzeptanz entgegengebracht werden, sondern es sind auch gezielt Schritte zu setzen, die eine aktive Förderung der Erstsprachen der Kinder als Basis für den Erwerb ihrer Zweitsprache Deutsch ermöglichen.

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