Bildungs­standards und kompetenz­orientierter Unterricht

Bildungs­standards und kompetenz­orientierter Unterricht

Christian Wiesner, Claudia Schreiner, Simone Breit & Katrin Pacher (2017)

Bildungsstandards

Bildungsstandards legen aus Sicht der Schüler/innen konkret formulierte Lernergebnisse in Form von Könnensbeschreibungen (sogenannte „CanDoStatements“) fest, die aus den Lehrplänen der Schularten und Schulstufen abgeleitet wurden. Wie „Gesetze, Verordnungen und Lehrpläne, die vorgeben, wie Schule zu gestalten ist“, gewährleisten Bildungsstandards nichts anderes als „eine gewisse Einheitlichkeit der Bedingungen, unter denen Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden“ (Herzog, 2013, S. 12). In Österreich zielen Bildungsstandards seit ihrer Einführung 2008/09 auf eine Veränderung der Unterrichts- und Schulpraxis durch Kompetenzorientierung ab.

Funktionen von Bildungsstandards

Bildungsstandards haben in dieser Hinsicht mehrere miteinander verbundene Funktionen:

  • Im Rahmen ihrer Evaluations- und Überprüfungsfunktion schaffen Bildungsstandards die Möglichkeit, mittels standardisierter Testverfahren objektiv zu bewerten, inwieweit die in den Standards festgelegten Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern erreicht wurden und diese Erkenntnisse zum Zweck der Qualitätsentwicklung an den Schulen mit den angestrebten Lernergebnissen zu vergleichen.
  • Im Rahmen ihrer Orientierungsfunktion ermöglichen Bildungsstandards eine nachhaltige Ziel- und Ergebnisorientierung bei der Planung und Durchführung von Unterricht.
  • Die Förderfunktion soll durch konkrete Vergleichsmaßstäbe die bestmögliche Diagnostik als Grundlage für die Förderung einzelner Schüler/innen sicherstellen.
  • Die damit einhergehende Entwicklungsfunktion schafft die Grundlage für einen kompetenz- und schülerorientierten Unterricht.

Bildungsstandards sollen die kontinuierliche Entwicklung der Fähigkeiten von Lehrerinnen und Lehrern im Bereich Diagnostik und Förderung begünstigen (Förderfunktion) und – infolge ihrer regelmäßigen Überprüfung – durch datenbasierte Rückmeldungen die systematische Schul- und Unterrichtsentwicklung unterstützen (Evaluations- und Schulentwicklungsfunktion).

Bildungsstandards „und die auf ihrer Grundlage durchgeführten Kompetenzmessungen decken somit nicht den gesamten Lehrstoff einzelner Unterrichtsgegenstände ab und stellen auch nicht auf den Stand des Unterrichts ab. Sie können daher und dürfen auch nicht als Grundlage für die Beurteilung der Leistungen von Schülern und Schülerinnen herangezogen werden. […] Aus diesem Grund richten sich Bildungsstandards primär an den Lehrer und die Lehrerin, um kompetenzorientierten Unterricht sowie kompetenzorientierte Förderung sicherzustellen“ (Erläuterungen zur Änderung des Schulunterrichtsgesetzes BGBl. I 117/2008).

Die Bildungsstandards dienen vorrangig der nachhaltigen Einführung, Etablierung und Unterstützung der Kompetenzorientierung. Damit einhergehend steht der Wandel in der Planung, Gestaltung und Durchführung von Unterricht und des unterrichtlichen Handelns im Sinne von „teaching to competencies“.

Bildungsstandardüberprüfung und Informelle Kompetenzmessung (IKM)

In Österreich wurden die Bildungsstandardüberprüfung und die Informelle Kompetenzmessung (IKM) als komplementäre, jedoch funktionell unterschiedliche Instrumente im Zusammenhang mit den Bildungsstandards und der Kompetenzorientierung unter der Annahme einer selbstregulierten, datenorientierten Steuerung der Schul- und Unterrichtsentwicklung sorgsam und entwicklungsorientiert orchestriert. Die externe Kompetenzmessung der Schüler/innen ist an den Schnittstellen obligatorisch; die Auswertungen der Standardüberprüfungen haben so zu erfolgen, dass auf deren Basis Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung nicht alleine bundesweit und landesweit („System-Monitoring“), sondern insbesondere schulbezogen („Schulentwicklung und kooperative Unterrichtsentwicklung am Standort“) erfolgen können (vgl. BGBl. II Nr. 1/2009). Ergänzend dazu wird vom BIFIE die Informelle Kompetenzmessung (IKM) als Selbstevaluierungstool auf freiwilliger Basis angeboten. Sie bietet Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit, eigenverantwortlich Kompetenzen einer Klasse, Lösungswege in der Bearbeitung von Aufgaben („klassenbezogene Unterrichtsentwicklung“) sowie Stärken und Schwächen einzelner Schüler/innen („pädagogische Diagnostik“) zu erheben. Die Kompetenzmessung der IKM und deren unmittelbare Rückmeldung dienen als objektivierte Basis für eine systematische Unterrichtsentwicklung und pädagogische Diagnostik.

Die Bildungsstandards wurden im Jahr 2008 im Schulunterrichtsgesetz (BGBl. I. 117/2008) verankert und 2009 vom zuständigen Regierungsmitglied verordnet. Weiterführende Informationen zum Thema finden Sie auf unserer Website im Bereich Rechtliche Grundlagen.

Kompetenzorientierung im Unterricht

Die Innovationskraft der Bildungsstandards liegt primär in der Bewusstseinsbildung der Lehrer/innen für die Notwendigkeit eines kompetenzorientierten unterrichtlichen Handelns (vgl. Köller, 2010, S. 530) und nachhaltiger Entwicklungsbegleitung. Kompetenzorientierter Unterricht ist das Zentrum und der Kern einer lernförderlichen Schule.

Bezugspunkt der österreichischen Bildungsstandards ist der von Franz E. Weinert entwickelte Kompetenzbegriff (vgl. Weinert, 2001, S. 27 f.). Kompetenzen sind demnach

die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösung in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.

Dimensionen und Prinzipien kompetenzorientierten Unterrichts

Um Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern nachhaltig, effektiv und fundiert zu fördern und sie als interessierte und neugierige Lernende zu fordern, sollen Lehrpersonen bei der Kompetenzorientierung in Anlehnung an Weinert (2001) mehrere Merkmale und vielfältige Dimensionen aktiv und aktivierend anstreben (vgl. Meyer & Walter-Laager, 2012; Feindt & Meyer, 2010; Steinkellner & Wiesner, 2017). Kompetenzorientierung im Unterricht ist unter Beachtung der Definition von Weinert (2001) eine Verbindung und Verknüpfung des kognitiven Wissens und Könnens mit motivationalen, volitionalen und sozialen Aspekten und Fähigkeiten wie auch mit dem verantwortungsvollen und reflexiven Beurteilen und Nutzen von Kompetenzen.

Aus den Impulsen und Ideen zum guten Unterricht in Verbindung mit der Definition von Weinert lassen sich notwendige Aspekte und Dimensionen der Kompetenzorientierung im Unterricht entwickeln (vgl. Astleitner, 2002; Helmke, 2006). Für das Konzept der Kompetenzorientierung im Unterricht lassen sich in Anlehnung an Arbeiten von Helmke (2006), Klieme und Rakoczy (2008) und Feindt und Meyer (2010) folgende Dimensionen und Prinzipien analytisch herausfiltern:

  • Aktivierung und Erhöhung der Verarbeitungstiefe: eine stimmige kognitive, motivationale, volitionale und soziale Aktivierung der Schüler/innen durch einen Unterricht, der strukturiert und systematisch herausfordert, selbständiges Lernen und Arbeiten ermöglicht, strategisches und kreatives Denken und damit auch komplexes und erweitertes Denken fördert und sich maßgeblich an Kompetenzmodellen und Bildungsstandards orientiert
  • Förderung lebensweltlicher Anwendungen: Schülerorientiertes Gestalten im Rahmen eines kompetenzorientierten Unterrichts und der kompetenzorientierten Förderung von lebensweltlichen Anwendungen des zu Lernenden und des bereits Gelernten erfolgt durch vielfältige Angebote und Variationen, vor allem auch zwischen dem Fach und der Lebenswelt der Schüler/innen.
  • Förderung der fachlichen und überfachlichen Wissensvernetzung: Eine ganzheitliche Unterrichtsstrukturierung und -gestaltung dient der vielfältigen Wissensvernetzung sowohl innerhalb eines Faches als auch zwischen mehreren Fächern. Dafür werden Lernsituationen und Lernräume des Analysierens, Erkundens, Erprobens, Entdeckens, Erfindens, Abwägens, Argumentierens und Hinterfragens innerhalb eines Fachs als auch überfachlich geschaffen, die sich in bestimmten Fächern maßgeblich an Kompetenzmodellen und an Bildungsstandards orientieren.
  • Lernbegleitung durch lerntheoretische, fachdidaktische und unterrichtsmethodische Ansätze: Eine präsente Schüler- und Kompetenzorientierung im Unterricht ermöglicht eine hohe Passung und ein gelungenes Zusammenwirken von individueller, differenzierter und personalisierter Lernbegleitung und -begegnung durch variable Lernmethoden.
  • Förderung der Selbstreflexion als Kompetenz: Das wiederkehrende Vorleben und Stimulieren von Selbstreflexionsprozessen über das eigene Lernen, das Reflektieren der eigenen Zielorientierung und des eigenen Handelns ermöglichen es, die personale Wirkkraft als Zusammenspiel von kognitiven, motivationalen, volitionalen und sozialen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften sowie als Attribution der eingesetzten Kompetenzen zu verstehen. Dabei sollen die eigenen Annahmen, Prinzipien, Werte usw. in die Reflexion integrierend thematisiert werden.
  • Förderliche Klassenführung durch Haltung, Achtsamkeit und Präsenz: Eine pädagogische, fehleroffene und störungspräventive Führung der Klasse durch das Einnehmen einer tiefen Haltung und Präsenz (Allgegenwärtigkeit) sowie die Förderung einer sinnstiftenden und respektvollen Kommunikation ermöglichen kompetenzorientierten Unterricht und kompetenzorientierte Förderung. Haltung dient als Modell für eine nachhaltige Werte- und Beziehungsorientierung, in der das Lernen und die Beurteilung für Schüler/innen – wie bei einem Kippbild bzw. einer Inversionsfigur (Figur-Grund-Bild) – erkennbar und nachvollziehbar getrennt sind und förderlich wirken können.
Rahmenmodell

Aspekte und Prinzipien der Kompetenzorientierung

Ergänzend zu diesen Prinzipien der Kompetenzorientierung sind der Lebensraum Klasse und Schule (Schul- und Klassenklima), das Selbstkonzept der Schüler/innen in einem Fach oder das Interesse der Schüler/innen an einem Fach wie auch an bestimmten Aufgabenstellungen im Hinblick auf Lernerfolg oder -misserfolg und den Kompetenzerwerb förderliche und damit beachtenswerte Faktoren (vgl. Müller, Felbrich & Blömeke, 2008; Schwarz, 2013).

Aufgaben der Informellen Kompetenzmessung (IKM) und deren fachdidaktische Analyse wie auch eine professionelle Reflexion über die eigene Unterrichtsgestaltung und -strukturierung können der Unterrichtsentwicklung mit Bezug auf die Kompetenzorientierung und die Bildungsstandards dienen. Eine Ausformung, Entwicklung und Festigung der Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern erfolgt jedoch nicht durch die reine Bearbeitung von Testitems, sondern durch eine angepasste Auswahl von Lernaufgaben und deren adäquate Einführung und Behandlung im Unterricht.

Der Erfolg der Kompetenzorientierung und der Bildungsstandards steht und fällt mit den Lehrpersonen, die mit ihrem unterrichtlichen Handeln die Lernentwicklung von Schülerinnen und Schülern begleiten und unterstützen (Lipowsky, 2006; Posch, Rauch & Seidl, 2012), der Schulleitung als pädagogische Führung und der Schulaufsicht als übergeordnete Instanz. Die nachhaltige Etablierung der Kompetenzorientierung mithilfe von Bildungsstandards setzt voraus, dass die damit verbundenen Ansätze und Ideen als zentrale Themen der Schul- und Unterrichtsentwicklung begriffen werden.

Literatur

  • Astleitner, H. (2002). Prinzipien des guten Unterrichts. Zugriff am 20.11.2005 unter http://www.qis.at/material/astleitner_unterrichtsqualität.pdf.
  • Feindt, A. & Meyer, H. (2010). Kompetenzorientierter Unterricht. Die Grundschulzeitschrift, Heft 237/2010, S. 29–33.
  • Helmke, A. (2006). Was wissen wir über guten Unterricht? In Pädagogik, Jg. 58, Heft 2/2006. Weinheim: Beltz, S. 42–45.
  • Herzog, W. (2013). Bildungsstandards. Eine kritische Einführung. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Klieme, E. & Rakoczy, K. (2008). Empirische Unterrichtsforschung und Fachdidaktik. Outcome-orientierte Messung und Prozessqualität des Unterrichts. In Zeitschrift für Pädagogik 54/2008, 2, S. 222–237.
  • Köller, O. (2010). Bildungsstandards. In R. Tippelt & B. Schmidt (Hrsg.), Handbuch Bildungsforschung (S. 529–548). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Lipowski, F. (2006). Auf Lehrer kommt es an. Empirische Evidenzen für Zusammenhänge zwischen Lehrerkompetenzen, Lehrerhandeln und dem Lernen der Schüler. In Zeitschrift für Pädagogik, 51. Beiheft, S. 47–70.
  • Meyer, H. & Walter-Laager, C. (2012). Leitfaden für Lehrende in der Elementarpädagogik. Berlin: Cornelsen.
  • Müller, C., Felbrich, A. & Blömeke, S. (2008). Überzeugungen zum Lehren und Lernen von Mathematik. In S. Blömeke, G. Kaiser & R. Lehmann (Hrsg.), Professionelle Kompetenz angehender Lehrerinnen und Lehrer. Wissen, Überzeugungen und Lerngelegenheiten deutscher Mathematikstudierender und -refendare. Erste Ergebnisse zur Wirksamkeit der Lehrerausbildung, S. 247–276, Münster: Waxmann.
  • Posch, P., Rauch, F. & Seidl, A. (2012). Qualitätsentwicklung als Aufgabe der Schulleitung und der Schulaufsicht. In BIFIE (Hrsg.), Bildungsstandards und Qualitätsentwicklung an Schulen. Impulse für Schulleiter/innen (S. 39–63). Graz: Leykam.
  • Schwarz, J. (2013). Unterrichtsbezogene Führung durch „Classroom Walkthrough“. Schulleitung als Instructional Leaders. Innsbruck: Studienverlag.
  • Steinkellner, H. & Wiesner, C. (2017). Anforderungen an eine zielorientierte Führungskultur: Die „wachsame Sorge“ als Prozessmodell für eine evidenzorientierte Schul- und Unterrichtsentwicklung. In Neue Autorität macht Schule (in Vorbereitung).
  • Weinert, F. E. (2001). Vergleichende Leistungsmessung in Schulen – eine umstrittene Selbstverständlichkeit. In F. E. Weinert (Hrsg.), Leistungsmessungen in Schulen. Beltz: Weinheim und Basel, S. 17–31.

Zitierung

Christian Wiesner, Claudia Schreiner, Simone Breit & Katrin Pacher (2017). Bildungsstandards und kompetenzorientierter Unterricht. Salzburg: BIFIE. Abrufbar unter https://www.bifie.at/bildungsstandards-und-kompetenzorientierter-unterricht.

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