Formative Evaluation der inklusiven Modellregionen

Im Rahmen der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurden in Österreich drei inklusive Modellregionen definiert, in denen Maßnahmen zur Implementierung eines inklusiven Schulwesens entwickelt und erprobt werden. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen für die schrittweise Ausweitung auf das gesamte Bundesgebiet nutzbar gemacht werden. Im Rahmen der formativen Evaluation werden diese Maßnahmen begleitet. Dabei sollen sowohl die Entwicklungs- und Erprobungsarbeit in den Modellregionen durch empirische Evidenz unterstützt als auch die in den Modellregionen gemachten Erfahrungen wissenschaftlich aufbereitet und für die Weiterentwicklung und Ausweitung der Inklusion zur Verfügung gestellt werden.

Ausgangslage/Projekthintergrund

Mit Ratifizierung des Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (BGBl. III 155/2008) hat sich Österreich dazu verpflichtet, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen. Für das Bildungswesen ist insbesondere Art. 24 relevant, der ein inklusives Bildungswesen vorsieht. Im Nationalen Aktionsplan des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz wurde dazu u. a. als Maßnahme 125 formuliert: "Entwicklung von Inklusiven Modellregionen. Erfahrungssammlung und darauf aufbauend Erstellung eines detaillierten Entwicklungskonzeptes sowie flächendeckender Ausbau der Inklusiven Regionen bis 2020."

Diese inklusiven Modellregionen wurden in Kärnten, der Steiermark und Tirol eingerichtet und das BIFIE wurde mit der Begleitung in einer formativen Evaluation beauftragt.

Zielsetzung der Evaluation

Im Vordergrund des Projekts steht die Auslösung von Entwicklungs- und Lernprozessen. Dies ergibt sich aus der Tatsache, dass die Inklusion zunächst noch nicht flächendeckend eingeführt wird, sondern vorerst in einzelnen Regionen. Die dort gemachten Erfahrungen sollen in vorliegendem Projekt beobachtet, beschrieben und aufbereitet werden, um sie für die spätere Ausweitung nutzbar zu machen. Dabei soll – im Sinne der gesetzlichen Implementierung der UN-Behindertenrechtskonvention und der im NAP 2012–2020 angeführten Zieldefinitionen und Maßnahmenpakete – die Erweiterung eines inklusiven Schulwesens auf Bundesebene erreicht werden.

Gleichzeitig sollen mit den begleitenden Datenerhebungen und -analysen auch Fortschritte in der Implementation inklusiver Modellregionen sichtbar gemacht und dokumentiert werden. Damit wird jedenfalls auch Steuerungswissen generiert, das für begleitende Unterstützungsmaßnahmen relevant sein kann.

Die Anlage des vorliegenden Evaluationsvorhabens ist daher formativ: Primäres Anliegen ist es, den Implementationsprozess der inklusiven Modellregionen bestmöglich durch Daten zu unterstützen und zu begleiten. Da in den einzelnen Regionen bzw. Bundesländern diesbezüglich unterschiedliche Entwicklungen im Gange sind, sollen die (Zwischen-)Ergebnisse der Evaluation eine Gelegenheit zum Peer Learning bieten, indem Daten zu besonderen Rahmenbedingungen, aber auch zu Fallstricken und möglichen Hemmnissen aufbereitet und zur Verfügung gestellt werden.

Inklusion bezieht sich grundsätzlich auf die gesamte Bandbreite möglicher Diversität, von der Hochbegabung über sprachlich-kulturelle Unterschiedlichkeiten bis zu verschiedenen Formen der Beeinträchtigung. Die Implementation der inklusiven Modellregionen zeichnet sich durch eine komplexe Mehrebenenkonstellation aus, die von der übergeordneten UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ausgeht und sich durch mehrere Entscheidungsebenen (Bund, Land, Gemeinden) mit jeweils wieder in sich komplexen Strukturen, die miteinander interagieren, hinzieht.

Daher ist es erforderlich, sich auf wesentliche Aspekte des Implementationsprozesses zu konzentrieren, dabei aber den Gesamtkontext nicht aus dem Blick zu verlieren. Abgesehen davon, dass zunächst eine geografische Einschränkung auf die derzeit nominierten inklusiven Modellregionen erfolgt, konzentriert sich die Evaluation auch auf inhaltlich und strategisch "neuralgische Punkte" des Umsetzungsprozesses, nämlich (1) die Rahmenbedingungen der Umsetzung, (2) eine inklusive Schul- und Unterrichtsentwicklung und (3) Einflussvariablen für den Erfolg der Implementation sowie (4) in Ansätzen auch Strukturdaten zum Kontext, in den die Inklusion eingebettet wird.

Projektstruktur

Im Sinne des nutzungsorientierten Ansatzes der formativen Evaluation (Utilization-focused evaluation, Patton) wurde eine Evaluationssteuergruppe eingerichtet. Diese Steuergruppe soll sicherstellen, dass die Inhalte und Methoden der Evaluation angemessen und für die Weiterentwicklung der inklusiven Modellregionen nützlich sind. Weiters ist es auch im Sinne der hier skizzierten formativen Evaluation, dass deren Ergebnisse in die Weiterentwicklung bzw. Ausweitung der inklusiven Modellregionen eingespeist werden. Zur Erfüllung dieser Aufgaben setzt sich die Steuergruppe aus Vertreterinnen und Vertretern der Entscheidungsträger und einer fachwissenschaftlichen Begleitung zusammen.

  • Koordination durch das BIFIE, Dept. EBB
  • Vertreter/innen des Unterrichtsressorts
  • Umsetzungsverantwortliche in den Ländern Steiermark, Kärnten, Tirol und Wien
  • Leitung des Bundeszentrums Inklusive Bildung und Sonderpädagogik
  • Leitung des Arbeitsbereichs Integrationspädagogik und Heilpädagogische Psychologie an der Univ. Graz/Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft
  • Außerösterreichische Expertin (Prof. Dr. Andrea Dlugosch, Universität Koblenz)

Methodische Umsetzung & Berichtlegung

Die Gewinnung der Daten erfolgt auf Basis einer Triangulation quantitativer und qualitativer Methoden (Fragebogenerhebung, Interviews, Dokumentenanalyse etc.). Die (Zwischen-)Ergebnisse der Evaluationsmaßnahmen werden in regelmäßigen Abständen an das BMB als Auftraggeber rückgemeldet. Sobald öffentliche Ergebnisse vorliegen, werden diese auf der BIFIE-Website zugänglich gemacht.

Die Fragebogenmethode eignet sich besonders, um eine größere Menge an Personen ökonomisch zu definierten Interessengebieten, im konkreten Fall zu den Variablen für den Erfolg der Imple­mentation, zu befragen, aber auch zur systematischen Erhebung von Gegebenheiten. Dabei sind Zielgruppenbefragungen auf verschiedenen Ebenen der Steuerung bzw. Umsetzung, z. B. Schulleiterinnen und Schulleiter, Leiterinnen und Leiter von Zentren für Inklusiv- und Sonderpädagogik, vorgesehen bzw. in Umsetzung.

Im Zuge von explorativen Fallstudien erfolgen Standortbestimmungen bzw. Bestandsaufnahmen jener Regionen, die eine Umsetzung inklusiver Prinzipien anstreben. Zentrales Anliegen ist es dabei, einen umfassenden Blick auf erste Erfahrungen/Schwierigkeiten aus diesen ersten "Pionier-Regionen" zu erhalten, mit dem primären Ziel, die gewonnenen Erkenntnisse für die Implementierung und Weiterentwicklung inklusiver Modellregionen nutzbar zu machen. Der qualitative Zugang eignet sich in diesen Fällen durch seine Offenheit und Nichtdeterminierung durch vorgegebene Antwortalternativen.

Fallstudien zu Implementationsmaßnahmen, die in hohem Maße föderal bzw. dezentral organisiert werden, erfordern auch dezentrale, aber koordinierte Vorgangsweisen. Die Koordination der Evaluationsaktivitäten und deren synoptische Analyse erfolgt durch das BIFIE, das auch für die Koordinationssitzungen verantwortlich zeichnet. Die Mitglieder des Netzwerks setzen sich aus Lehrenden und einschlägig wissenschaftlich Arbeitenden der Pädagogischen Hochschulen zusammen, wobei in der gegenwärtigen Phase die Institutionen aus den Bundesländern mit bereits eingerichteten inklusiven Modellregionen Priorität haben.