Nationaler Bildungsbericht 2009: Fokussierte Analysen bildungspolitischer Schwerpunktthemen

Der zweite Band des Nationalen Bildungsberichts 2009 enthält insgesamt 18 Expertisen hervorragender österreichischer Bildungswissenschaftler/innen, die unterschiedliche schulische Handlungsfelder analytisch ausleuchten und die Analysen mit bildungspolitischen Empfehlungen abrunden.

Im zweiten Band des NBB sind 18 Expertisen führender österreichischer Bildungswissenschaftler/innen zu zentralen Entwicklungsthemen des Schulwesens versammelt. Ihre Themen sind in einem hochrangig besetzten Redaktionsgremium besprochen und abgestimmt worden. Deren Auswahl orientiert sich an der von Expertinnen und Experten wahrgenommenen Bedeutung der jeweiligen Thematik für die Gesamtentwicklung des österreichischen Schulwesens.

Die Themenauswahl erfolgte in Abstimmung zwischen Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und einer wissenschaftlichen Planungsgruppe. Auch wurden die Konzeption und die vorgesehenen Themen dieses Berichts mit den Bildungssprecherinnen und Bildungssprechern der im Parlament vertretenen Parteien diskutiert.

Gegliedert sind die Beiträge in vier Abschnitte:

Entwicklungen in einzelnen Sektoren des Schulsystems

In einigen Sektoren des Schulwesens gibt es einen hohen Veränderungsdruck und diese bildeten deshalb Schwerpunkte bildungspolitischer Diskussion und/oder Reforminitiativen:

  1. der Bereich der vorschulischen Bildung und Förderung, der in Österreich traditionell schwach ausgeprägt ist, aber als Ort kompensatorischer Bildung und Erziehung gesehen und diskutiert wird;
  2. die Schule der 10- bis 14-Jährigen, die durch die Untersuchungen von TIMSS und PISA verstärkt unter der Perspektive der sozialen Selektivität diskutiert wird;
  3. der gesamte Bereich der Sonderpädagogik, wo nach den Reformjahren des Ausbaus der Integration in der Primar- und Sekundarstufe von Kritikern eine Phase der scheinbaren Selbstgenügsamkeit konstatiert wird;
  4. die Sekundarstufe II und die Schnittstellen zwischen Schule und Arbeitsmarkt, wobei das Hauptaugenmerk insbesondere auf der Verringerung von Schulversagen, Dropout und Jugendarbeitslosigkeit liegt;
  5. die Ausbildung des pädagogischen Personals, die – wegen oder trotz – der Umwandlung der Pädagogischen Akademien in Hochschulen verstärkt thematisiert und vor allem unter dem Gesichtspunkt der Vereinheitlichung diskutiert wird;
  6. die Vorbereitung auf den lebenslangen Lernprozess in der wissensbasierten Gesellschaft durch die Schule.

Aktuelle Themen zur pädagogischen Qualität der Schule

Im Abschnitt B werden primär pädagogische Fragen behandelt, die in der historischen Situation der globalen Herausforderungen an die Qualität der Bildungssysteme von vordringlicher Bedeutung scheinen. Dabei geht es nicht um pädagogische Grundsatzdiskussionen, sondern – dem politikorientierten Charakter des Berichts entsprechend – um Rahmenbedingungen, die eine effizientere Pädagogik fördern oder behindern.

  1. Die Problematik von Drop-out und Schulversagen im österreichischen Schulwesen und die Möglichkeiten einer Verbesserung der Situation;
  2. die Lage von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund im Schulsystem;
  3. die Frage der Kulturvermittlung (im engeren Sinne) im Schulwesen angesichts der Tatsache, dass diese weder in den großen internationalen Leistungsuntersuchungen noch in der Konzeption der Bildungsstandards eine nennenswerte Rolle spielt;
  4. die Frage der geschlechtergerechten Schule in einer Zeit, in der sich die Problematik manifester Benachteiligung eindeutig zu Lasten der Jungen umzukehren beginnt;
  5. die Thematik des Lernens von Mathematik, Naturwissenschaft und Technik, die auch im Bildungszielkatalog der Europäischen Union stark im Vordergrund steht;
  6. die Frage der Gerechtigkeit in der Leistungsbeurteilung, die ebenfalls durch die internationalen Leistungsassessments wieder prekär geworden ist, weil diese mit großer Deutlichkeit die regionalen, standortspezifischen und schulklassenabhängigen Disparitäten der Notengebung aufzeigen;
  7. die Problematik der Gewalt in der Schule, deren Bedeutung für sich spricht,
  8. das Problem der Schüler/innen mit Entwicklungsproblemen wie Verhaltensauffälligkeiten, Lernstörungen, Ängsten, Pubertätskrisen, die dort, wo die Familien ihre Sozialisationskraft verlieren, besondere Herausforderungen an Schule darstellen.

Zentrale Fragen und Herausforderungen der Systemsteuerung

Themen der Steuerung des Schulwesens sind von unmittelbarer bildungspolitischer Bedeutung und es besteht nach Auffassung der Redaktionsgruppe besonderer Entwicklungsbedarf:

  1. Die breite Thematik der Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung im Schulsystem. Dieses Thema ist deswegen von einiger Bedeutung, weil die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit eine lange und intensive Tradition in Österreich hat, ohne dass bisher mehr als isolierte Einzelmaßnahmen umgesetzt worden wären.
  2. Schulautonomie: Allenthalben wird heute ein Mehr an Autonomie für die Schulen gefordert, ohne dass dahinter eine systematische Reflexion über eine sinnvolle Machtverteilung zwischen unterschiedlichen Entscheidungsebenen steht.
  3. Frage nach den systemischen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Bewältigung des Unterrichts in heterogenen Lerngruppen, eine Problemstellung, die gerade auch im Zusammenhang mit der Konzeption einer „Neuen Mittelschule“, die als inklusive Schule gedacht wird, von besonderer Relevanz ist.

Bildungsforschung als Quelle von Steuerungswissen

Im Kontext der Bemühungen um eine evidenzbasierte Steuerung verdient ein Thema besondere Aufmerksamkeit: Das Thema der verbesserten Förderung und Nutzung der Bildungsforschung als Wissensressource für die politisch Verantwortlichen sowie die Problematik der Unterrepräsentation bildungsökonomischer Fragestellungen in der österreichischen Forschungslandschaft.