Presseinformation zum PISA-Expertenbericht 2006

Thema: Chancengerechtigkeit

Der PISA-Expertenbericht belegt, wie sich Bildungsnähe und sozialer Status der Eltern auf die Bildungswegentscheidungen und Leistungen der Jugendlichen übertragen.
„Die erste Bildungswegentscheidung für eine AHS oder Hauptschule ist im Alter von 10 Jahren deutlich vom Bildungsabschluss der Eltern abhängig: Je höher die Bildung der Eltern, desto mehr Kinder besuchen die AHS-Unterstufe. Besonders auffällig sind die niedrigen AHS-Besuchsquoten der Kinder mit Eltern mit Pflichtschulabschluss: nur knapp über 10 % haben hier in der Sekundarstufe I eine AHS besucht“, analysiert Claudia Schreiner vom BIFIE, Herausgeberin des PISA-Expertenberichts. Schreiner weiter: „Dieses Muster setzt sich auch bei der zweiten Bildungswegentscheidung, die in der Regel mit etwa 14 Jahren fällig ist, fort. Wenn die Eltern selbst Matura haben, besuchen auch etwa drei Viertel der Kinder eine Schule mit Matura. Bei den Jugendlichen, deren Eltern keine Matura haben, ist es nicht einmal die Hälfte.“
Diese Jugendlichen, die selbst eine Schule mit Matura besuchen, aber Eltern ohne Maturaabschluss haben, können als potenzielle Bildungsausteiger/innen bezeichnet werden. „Bildungsaufstieg ist in Österreich möglich, aber nicht die Regel. Etwa 23 % der 15-/16-Jährigen unternehmen diesen Versuch“, so Schreiner.
Der Bericht verdeutlicht darüber hinaus, dass der soziale Status und die Zugehörigkeit zur Gruppe der Risikoschüler/innen sehr eng zusammenhängen. Jugendliche aus Familien mit niedrigem Status sind in der Risikogruppe deutlich überrepräsentiert. Besonders deutlich ist das bei der untersten Statusgruppe: Ihr Anteil ist in der Risikogruppe fast dreimal so hoch wie in Österreich insgesamt. Schreiner: „Insgesamt belegen diese Analysen deutlich, dass in Österreich nach wie vor deutliche Ungleichheiten in den Chancen auf Kompetenzerwerb und Bildungsabschlüsse bestehen.“

Schlussfolgerungen aus dem PISA-Expertenbericht:

  • Ländervergleichende Analysen zeigen, dass ein hohes Erstselektionsalter Chancengerechtigkeit fördert.
  • In der Lehreraus-, -fort- und -weiterbildung darf das Augenmerk nicht nur auf die Kompetenzerweiterung gelegt werden. Besonders wichtig ist es, auch an Haltungen und Einstellungen zu arbeiten.
  • Der Faktor der Schulautonomie zeigt in den ländervergleichenden Analysen keine Effekte. Das bedeutet, dass ein hoher Grad an Schulautonomie nicht – die manchmal postulierte – chancenungleichheitssteigernde Wirkung haben muss.

Rückfragehinweis:
Mag. Dr. Claudia Schreiner, Tel.: 0662-620088-3010, E-Mail: c.schreiner@bife.at

Thema: Migration

In Österreich sowie in zahlreichen anderen europäischen Ländern gibt es sehr große Leistungsunterschiede zwischen Einheimischen und Schüler/innen mit Migrationshintergrund. Gänzlich anders ist die Situation in Australien, Neuseeland und Kanada. In diesen Ländern verfügen die Migrant/innen über ähnliche Kompetenzen wie die Einheimischen.
Unterschiede zeigen sich in Österreich aber nicht nur bei den Leistungen, sondern auch bei den Bildungswegen. Anhand der PISA-Daten können jene 15-/16-Jährigen betrachtet werden, die eine weiterführende Schule besuchen. Hier fällt bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund der geringe Zulauf zur Berufsschule auf – nur 10 % der Migrant/innen entscheiden sich für eine duale Ausbildung, von den Einheimischen sind es 17 %. Außerdem sticht der vergleichsweise hohe Zulauf der Migrant/innen zur BMS heraus. Nur 14 % der Einheimischen, aber 26 % der Migrant/innen entscheiden sich für diesen Schultyp. Dazu Simone Breit vom BIFIE: „Es lässt sich vermuten, dass diese Wahl nicht bewusst getroffen wurde, sondern dass der Besuch der BMS die Alternative für jene ist, die keine Lehrstelle finden.“
Zu den Auswirkungen schlechter Schulleistungen auf den Arbeitsmarkt hält Breit fest: „Schlechte Leistungen führen zu geringer Qualifikation und dies wiederum führt zu einer schlechteren Stellung am Arbeitsmarkt. Dieser Wirkungszusammenhang lässt sich auch empirisch festhalten. Die Leistungen bei PISA haben also eine große prognostische Validität für die Positionierung am Arbeitsmarkt.“

Schlussfolgerungen aus dem PISA-Expertenbericht:

  • Vorschulische Bildung: Die PISA-Daten zeigen, dass einheimische Kinder den Kindergarten häufiger und länger besuchen als Kinder mit Migrationshintergrund. Hier muss es Veränderungen geben. Diese kann nur die Verpflichtung zum mehrjährigen Kindergartenbesuch bringen.
  • Gemeinsame Schule: Eine längere Phase der gemeinsamen Schule kann migrationsspezifische Benachteiligung besser ausgleichen als dies bei einer früheren Trennung der Fall ist.
  • Schulische Fördermaßnahmen für „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ): Der Expertenbericht plädiert für den verstärkten Ressourceneinsatz für die Förderung von „Deutsch als Zweitsprache“.
  • Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte: Lehrer/innen müssen überzeugt werden, dass alle Schüler/innen Anspruch auf Förderung haben.

Rückfragehinweis:
Mag. Simone Breit, Tel.: 0662-620088-3310, E-Mail: s.breit@bifie.at

Thema: Interesse, Motivation und Unterricht in Naturwissenschaft

Ein zentrales Ergebnis, das bei der Präsentation der ersten Ergebnisse im Dezember 2007 aufgefallen ist, sind die großen Geschlechtsdifferenzen im Bereich Physik (mit 45 Punkten in Österreich unter allen OECD-Ländern weitaus am größten). Der Expertenbericht veranschaulicht, dass sich diese Differenz auch beim Interesse an Physik ausdrückt: Burschen interessieren sich deutlich stärker als Mädchen für Physik (62 % gegenüber 36 %). „Die Analysen haben aber auch gezeigt, dass sich Mädchen durchaus für Physik begeistern lassen – und zwar genau dann, wenn sich die Fragen auf konkrete Problemstellungen beziehen“, analysiert Ursula Schwantner vom BIIFE, Herausgeberin des Expertenberichts.
Ein wichtiger Faktor für die Schülerleistungen und die Motivation der Jugendlichen ist der Unterricht in Naturwissenschaft. Positive Auswirkungen auf die Motivation der 15-/16-Jährigen in Naturwissenschaft haben vor allem ein anwendungsbezogener Unterricht sowie häufiges Experimentieren. Schwantner: „Beides sind jedoch Unterrichtsformen, die in Österreich eher selten vorkommen.“

Schlussfolgerungen aus dem PISA-Expertenbericht:

  • Einführung eines integrierten NW-Unterrichts (Flächenfach Science) in der Sekundarstufe I, in dem nicht getrennt nach naturwissenschaftlichen Disziplinen unterrichtet wird, sondern übergreifend auf der Basis von Problemstellungen. Dies scheint vor allem auch in Bezug auf das geringe Interesse der Mädchen an Physik ein wichtiger Ansatzpunkt.
  • Zum anderen kommt der Qualität des naturwissenschaftlichen Unterrichts eine wesentliche Rolle zu. Hierzu unterstreichen die Autorinnen und Autoren des Expertenberichts vor allem folgende Aspekte:
  • Es bedarf eines verstärkten Anwendungsbezugs, durch den die gelernten Inhalte auch eine lebenspraktische Bedeutung erhalten.
  • Der Unterricht sollte sich wesentlich mehr an den Interessen der Schülerinnen und Schüler orientieren.
  • Die stärkere Auseinandersetzung mit aktuellen Forschungsthemen im Unterricht wird ebenso hervorgehoben.
  • Zudem gilt es, eine Umgebung zu schaffen, in der Jugendliche positive Lern- und Leistungserfahrungen im Bereich Naturwissenschaft sammeln können.

Rückfragehinweis:
Mag. Ursula Schwantner, Tel.: 0662-620088-3210, E-Mail: u.schwantner@bifie.at

Thema: Schulklima und schulische Belastung

Die Qualität von Schulen zeigt sich einerseits an den Leistungen der Schülerinnen und Schüler, andererseits aber auch am Schulklima. Deshalb wird in Österreich im Rahmen nationaler Zusatzerhebungen von PISA auch großer Wert auf die Erhebung von Schulklima und schulischen Belastungen gelegt. Dabei werden sehr unterschiedliche mögliche Quellen schulischer Belastung beleuchtet (Schüler-Lehrer-Beziehung, Gewalt durch Mitschüler/innen, …).
Der Expertenbericht verdeutlicht, dass sich die Schüler-Lehrer-Beziehung seit der ersten PISA-Erhebung im Jahr 2000 deutlich zum Positiven hin verändert hat. Besonders handfest wird dies an der Zustimmung zur Aussage „Vor manchen Lehrern habe ich ziemlich Angst“. Im Jahr 2000 hatten noch 40 % der 15-/16-Jährigen Angst vor ihren Lehrkräften, im Jahr 2006 „nur“ noch 23 %. Der Bericht verdeutlicht aber auch, dass Risikoschülerinnen und -schüler von einer signifikant schlechteren Beziehung zu den Lehrkräften berichten als Spitzenschülerinnen und -schüler. „Dies ist bedenklich, weil vor allem leistungsschwache Jugendliche die besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung der Lehrkräfte benötigen würden“, sagt dazu Silvia Bergmüller vom BIFIE.
Gewalt durch Mitschüler/innen: Österreichweit geben 8 % der Jugendlichen an, dass sie in den vergangenen sechs Wochen „geschlagen oder verletzt“ worden sind. Dabei zeigt sich ein sehr großer Geschlechtsunterschied: 3 % der Mädchen, aber 13 % der Burschen wurden Opfer von Gewalt. Bergmüller: „Gewalt und psychische Aggressionen schlagen sich in überdauernden psychischen Beschwerden nieder. Dies verweist auf die Wichtigkeit, konkrete Maßnahmen gegen Gewalt und psychische Aggression in der Schule zu setzen. Bei PISA 2009 wird das Thema Gewalt/Aggression in der Schule noch weiter vertieft. Damit können auch detailliertere Daten für zielgerichtete Präventionsmaßnahmen geliefert werden.“
Trotz der stagnierenden Leistungen bei den PISA-Tests ist das Leistungsselbstkonzept der Jugendlichen seit 2000 positiver geworden. Dies gilt sowohl für Mädchen als auch für Burschen. „Auf einen tatsächlichen Leistungszuwachs kann das Ergebnis jedenfalls nicht zurückgeführt werden. Möglicherweise spiegelt sich hier die positive Entwicklung in den Lehrer-Beziehungen wider. Wenn die Lehrkräfte ihren Schülerinnen und Schülern mehr Wertschätzung und Ermunterung entgegenbringen, steigert dies wahrscheinlich auch das Selbstkonzept“, so Bergmüller abschließend.

Rückfragehinweis:
Mag. Dr. Silvia Bergmüller, Tel.: 0662-620088-3115, E-Mail: s.bergmueller@bifie.at

Rückfragehinweis zur gesamten Veranstaltung:
Mag. Robert Allmer
Referent für Öffentlichkeitsarbeit
Zentrales Management und Services
presse@bifie.at
phone +43-662-620088-1122