1. Bildungsforschung als Basis erfolgreicher Entwicklungen im Schulsystem

Günter Haider

Die Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts transformiert sich am Beginn des 21. Jahrhunderts über eine Informations- in eine globalisierte Wissensgesellschaft. „Wissen“ wird zum wichtigsten Produktionsfaktor gegenüber Arbeit, Kapital und Bodenschätzen. Der Sektor Bildungssystem, Wissenschaft, Forschung und Entwicklung sowie die dazugehörende Infrastruktur, Logistik und Qualitätssicherung erhalten eine herausragende Bedeutung. Wir können mit großer Sicherheit von einer weiter steigenden Abhängigkeit der individuellen und unternehmerischen Wettbewerbsfähigkeit und des wirtschaftlichen Gesamterfolgs von einem Vorsprung an Wissen und Qualifikationen ausgehen. Analog dazu wird es für Individuen heute zunehmend schwieriger, ohne qualifizierte Bildung auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.

Fachliche und überfachliche Kompetenzen, Innovationsbereitschaft, Eigeninitiative und Unternehmergeist sind die wichtigsten Ressourcen, die wir als Österreicher/innen im Wettbewerb vorteilhaft einsetzen können. Der Erfolg in diesem Sektor wird entscheiden, ob die bisher geschaffenen Werte erhalten, das Land weiterentwickelt und die hohe Lebensqualität zumindest bewahrt, vielleicht noch gesteigert werden kann.

„Wissen“ und erfolgreiches lebensbegleitendes Lernen wachsen daher auch in der Bedeutung für die individuelle Biografie der Bürger/innen – die erworbenen Kompetenzen, Einstellungen und Interessen bestimmen über die sozial, ökonomisch und demokratisch befriedigende Teilhabe jedes Bürgers und jeder Bürgerin am gesellschaftlichen Leben.

Einem modernen Schulsystem stellen sich daher drei zentrale Aufgaben:

  • Die Schaffung einer verlässlichen Basis bei den jungen Menschen für ein demokratisches und friedvolles Zusammenleben aller Bürger/innen.
  • Die Vermittlung nachhaltiger Grund- und Fachkompetenzen an die Schüler/innen, die anschlussfähig sind – sowohl für die berufliche Ausbildung als auch für das lebensbegleitende Lernen.
  • Die Sicherstellung von Gerechtigkeit und der fairen Chancenzuweisung im Bildungsweg, damit die Schulkarrieren tatsächlich nach Begabung, Leistung und Anstrengung verlaufen – möglichst unabhängig von der sozialen Herkunft der Schüler/innen und mit gerechten Abschlüssen, wo gleiche Leistungen die gleichen Berechtigungen nach sich ziehen – um das vorhandene Leistungsvermögen aller Menschen zu mobilisieren.

Dabei steht die, für die Zukunft eines Landes enorm wichtige Ausschöpfung aller Begabungs- und Leistungspotenziale im Mittelpunkt. Zahlreiche Untersuchungen der letzten Jahre, insbesondere durch die OECD, haben gezeigt, wie eng sowohl der individuelle als auch der gemeinsame Wohlstand mit der Qualität des Bildungssystems und den darin erreichten Bildungserfolgen verbunden sind. Unter diesem Gesichtspunkt ist das Bildungssystem aber permanent reform- bzw. verbesserungsbedürftig.

Bildungspolitik und Bildungsforschung, Lehrerbildungsinstitutionen, Schulbehörden und Lehrer/innen tragen eine hohe professionelle Verantwortung – sie sind zu einer möglichst optimalen und attraktiven Gestaltung des schulischen Angebots und zu seiner ständigen Weiterentwicklung verpflichtet. Trifft ein solches attraktives Angebot auf eine entsprechende Nutzungsbereitschaft bei Eltern sowie Schülerinnen und Schülern – denn auch das ist eine wichtige Komponente des gemeinsamen Erfolgs – dann lassen sich die angestrebten hohen Standards im Schulwesen verwirklichen.

Schulsystem und Evidence-based Policy

So besteht für die für das Bildungssystem Verantwortlichen die Notwendigkeit, Ziele und Angebotsqualität, Nutzung und erreichte Ergebnisse von Unterricht und Erziehung regelmäßig und sorgfältig analysieren zu lassen und sich zu vergewissern,

  • ob die jeweils vorgegebenen Rahmenbedingungen für Unterricht und Schule für die bestmögliche Zielerreichung ausreichend und förderlich sind,
  • wie effektiv die pädagogischen Prozesse in der Praxis von den Akteurinnen und Akteuren gestaltet werden („wie gut der Unterricht ist“),
  • in welchem Ausmaß das bestehende System seine eigenen, festgelegten Ziele (Standards) auch tatsächlich erreicht und
  • in welcher Relation die nationalen Ergebnisse mit internationalen Benchmarks stehen.

Denn nur wenn wir über aussagekräftige Bestandsaufnahmen verfügen, das heißt, wenn wir unser System immer besser kennen und verstehen lernen und wenn wir uns dem Vergleich mit eigenen und mit internationalen Standards regelmäßig aussetzen, dann sind Stärken und Schwächen identifizierbar, dann können Probleme gezielt behoben und notwendige Qualitätsverbesserungen und Innovationen systematisch in Gang gesetzt werden. Eine Politik, die diesen Grundsätzen folgt, wird heute gerne als faktenbasiert bzw. evidence-based bezeichnet.

Seit einigen Jahren beginnt sich diese wissenschaftsorientierte Sichtweise auch in Österreich langsam gegenüber der bisherigen subjektiv-lobbyistischen Betrachtung der Dinge durchzusetzen. Die Beteiligung an internationalen Schülerleistungsstudien, die Einführung und Überprüfung von Bildungsstandards und die Schaffung des nationalen Forschungsinstituts BIFIE (Bundesinstitut für Bildungs- forschung, Innovation und Qualitätsentwicklung des österreichischen Schulwesens) sind wichtige nationale Meilensteine auf diesem eingeschlagenen Weg.

Monitoring der Ergebnisse des Schulsystems

Zur Unterstützung der faktenbasierten Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse wurde Anfang 2008 vom Nationalrat das Bundesinstitut BIFIE geschaffen – zur Förderung der Bildungsforschung und für das Monitoring der Standards, zur Unterstützung von Innovationen und für die gezielte Entwicklung der österreichischen Schulen.

Das BIFIE fasst vorhandene Einrichtungen und Forschergruppen zusammen und kooperiert mit Universitäten und Hochschulen. BIFIE-Forscher/innen beobachten und analysieren Strukturen, Prozesse und Ergebnisse im Schulsystem. Sie vergleichen diese Entwicklung national und international, machen der Bildungspolitik Vorschläge zur Verbesserung von Organisation und Unterricht und unterstützen Schulbehörden und Schulen aktiv bei der praktischen Umsetzung von wichtigen Innovationen.

Hauptziel ist es, durch Forschung das Verständnis für das Funktionieren des Schulsystems zu fördern, indem BIFIE-Forscher/innen einerseits die Strukturen und Zusammenhänge in Studien erforschen, und andererseits vorhandene Ergebnisse der pädagogischen und psychologischen Grundlagenforschung zur Beschreibung und Erklärung verwenden. Dies soll eine verständliche Entscheidungsgrundlage für die Bildungspolitik schaffen und als Motivation und Ideenspender bei der Entwicklung und Verbesserung dienen.

Wichtige Basis der BIFIE-Arbeit sind daher eigene empirische Studien zur Bildungsforschung, aber auch das regelmäßige Schulleistungs-Monitoring in Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaft mit den internationalen Projekten PISA (für die 15-/16-Jährigen), PIRLS & TIMSS (für die 10-Jährigen) und die kommende Überprüfung der neuen nationalen Bildungsstandards für die 4. und 8. Schulstufe.

Diese Vergleichsstudien sind seit 2008 am BIFIE-Salzburg konzentriert, dem Zentrum für österreichisches Bildungsmonitoring und nationale Bildungsstandards, unter der Leitung von Dr. Claudia Schreiner. Die für PISA am BIFIE zuständige Projektleiterin ist Mag. Ursula Schwantner, die Umsetzung der IEA-Studien PIRLS & TIMSS bei den 10-Jährigen leitet Frau Dr. Birgit Suchan.

Dazu kommen aktuell neue Entwicklungen und Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Sprachstandsfeststellung bei den 5-Jährigen in den Kindergärten und die von der Regierung beschlossene standardisierte zentrale Reifeprüfung, die am BIFIE-Wien bereits umfangreich pilotiert wird.

In der folgenden Abbildung 1 sind die bereits laufenden und die unmittelbar geplanten, aber noch in der Gesetzeswerdung oder in der Pilotphase befindlichen Studien und Leistungsvergleiche, die das BIFIE derzeit verantwortet, übersichtlich dargestellt.

Die Ergebnisse aus den Tests und Befragungen der wissenschaftlichen Untersuchungen, aber auch die Prüfungen vor Schuleintritt und am Ende der Schulzeit liefern grundlegende Qualitätsindikatoren für die erreichten Kompetenzen der Schüler/innen. Gleichzeitig ist es aber auch möglich, so komplexe Sachverhalte wie die Gerechtigkeit im System, die Erfolge der Migrantinnen und Migranten, die korrekte Allokation der Absolventinnen und Absolventen oder die psychische Belastung bzw. Befindlichkeit der Betroffenen mit umfangreichen empirischen Daten aus großen und sehr sorgfältig gezogenen Stichproben zu analysieren.

Ohne solche regelmäßig erhobene und detailliert dargestellte empirische Informationen gerieten bildungspolitische Entscheidungen rasch in die Gefahr des „Blindflugs“ bzw. der aktionistischen Beliebigkeit. Man muss die Fakten kennen, also über die Stärken und Schwächen, die Problemherde und ihre Entwicklung möglichst unzweifelhaft Bescheid wissen, um begründete Entscheidungen treffen zu können.

Ohne Studien vom PISA-Typ verhindern „blinde Flecken“ oder subjektive und oft falsche persönliche Überzeugungen die freie Sicht auf den tatsächlichen Zustand des Gesamtsystems: denn einzelne Personen kennen meist nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Und diese persönliche Brille ist nicht selten durch ideologische oder parteipolitische Prädispositionen stark verfärbt. Fakten und objektive Evidenz stören so oft die persönliche „Harmonie“ und daher werden solche Studien von manchen Personen/-gruppen ganz grundsätzlich abgelehnt.

Ohne solche Informationen wird aber eine gezielte, langfristig angelegte und erfolgreiche Weiterentwicklung oder notwendige Problembehebung im System nur schwer stattfinden können und der Erfolg wäre ohne entsprechende Begleitforschung auch kaum feststellbar.

Die Nutzung der Ergebnisse

Selbstverständlich üben die Ergebnisse von Leistungsvergleichen auch Druck auf die politischen Entscheidungsträger/innen aus: Liegen die Ergebnisse unter den Erwartungen, zeigen sich trotz Bemühungen und Reformversuchen jahrelang keine Verbesserungen in zentralen Ergebnisvariablen, ja würde der Trend vielleicht sogar eher nach unten weisen oder neue Problembereiche auftauchen, dann entsteht sicher erheblicher Handlungsbedarf seitens der Politik, nicht nur aus dem Defizit in der Sache selbst. Dafür sorgen in einer Demokratie auch die Medien und die Öffentlichkeit sowie die jeweilige Opposition, die die Ergebnisse bewerten und die Verantwortlichen nach entsprechenden Konsequenzen befragen.

Im umgekehrten Fall – die Ergebnisse der Schüler/innen wären ausgezeichnet oder die Leistungen stiegen im zeitlichen Vergleich –, gewinnt oft nicht nur das jeweilige Bildungssystem insgesamt an Ansehen (Beispiel: Finnland). Die für dieses erfolgreiche System verantwortlich gemachten Qualitätsfaktoren (z. B. lange Gesamtschulzeit, intensive Förderung der Schwachen, stark individualisierter Unterricht, hochselektive Lehrerauswahl) gewinnen ebenfalls an Bedeutung und werden häufig auch anderen, weniger erfolgreichen Systemen als „Medizin“ verschrieben. So entstehen quantitative und qualitative Benchmarks, Orientierungspunkte für die langfristige Qualitätsentwicklung von Bildungssystemen.

An dieser Stelle sollten national die Fakten und Bestandsaufnahmen bewertet und mit Erkenntnissen der Grundlagenforschung, im speziellen der Lehr-/Lern- und der Unterrichtsforschung verknüpft werden. Aus diesen Quellen muss man schöpfen, wenn man erklärende Sätze finden und technologische Empfehlungen abgeben will. Daher ist die laufende Kooperation mit den Universitäten und den erfahrenen Forscherinnen und Forschern aus den Bereichen der Psychologie, der Pädagogik oder der Soziologie enorm wichtig. Plausible Erklärungen der festgestellten Phänomene sind eine wichtige Voraussetzung für Expertise, für konkrete Handlungsempfehlungen.

In den jeweiligen umfangreichen Expertenberichten zu den Studien – wie dem vorliegenden zu PISA 2006 –, die nach gründlicher Arbeit ein bis eineinhalb Jahre nach dem Erstbericht der Leistungsvergleiche erscheinen, erhalten diese Forscher/innen die Möglichkeit, ihre Detailanalysen, Schlussfolgerungen und Empfehlungen aufgrund ihrer Datenanalysen ausführlich darzustellen.

Übernehmen die verantwortlichen Politiker/innen die Argumente bzw. sind die zuständigen gesetzgebenden Körperschaften von den schlüssigen Vorschlägen dieser Expertinnen und Experten überzeugt, dann kann mit der Planung, Entwicklung und Implementierung von Verbesserungsmaßnahmen begonnen werden. Kann man vorhandene Probleme aufgrund defizitärer Datenlage in der Grundlagenforschung nicht ausreichend klären, so wäre das ein guter Ausgangspunkt für weitergehende universitäre Forschung auf diesem Gebiet. Vorausgesetzt, die politischen und ministeriellen Entscheidungsstrukturen sind an solchen Qualitätsentwicklungszyklen orientiert und unterstützen evidenzbasierte Verbesserungsprozesse.

Und dann ist speziell die pädagogische Handlungsforschung gefordert – eine Aufgabe, die z. B. auch das Wiener Zentrum für Innovation und Qualitätsentwicklung des Bundesinstituts wahrnimmt. Die grundsätzlich vorhandenen Verbesserungsideen müssen auf die Bedingungen des Schulsystems und die Möglichkeiten der Schulen, Leh- rer/innen und Schüler/innen hin „übersetzt“ und praxistaugliche Modelle bzw. Projekte zur praktischen Umsetzung entwickelt und evaluiert werden. Hier öffnen sich aber auch viele Möglichkeiten für die neugegründeten Pädagogischen Hochschulen, für die eine moderne Handlungs- und Anwendungsforschung bzw. die laufende Evaluierung solcher Maßnahmen eine gute Chance zur künftigen Profilierung bieten würde.

Abbildung

Abbildung 1.1: Grundlagen von Evidence-based Policy in Österreich – Übersicht zu bildungswissenschaftlichen Studien des Bundesinstituts BIFIE